Mit Begeisterung in den Religionsunterricht – Mehr als 60 Lehrkräfte erhalten in Loccum die Vokation für das Fach Evangelische Religion

Teilnehmer Daniel Ihmels (Heiligengeistschule Lüneburg) und Kursleiterin Lena Sonnenburg (RPI) stellen die Geschichte von Kain und Abel nach.

Loccum. „Ahhh…, der Regen dürfte ruhig noch etwas stärker prasseln“, sagt eine Teilnehmerin und genießt den Moment. Eine Kollegin sägt und hämmert mit den Händen auf ihrem Rücken, schiebt Schiffsplanken zusammen; dann setzt der Regen ein, der sich zu einem ausgewachsenen Gewitter steigert. So kann man die Geschichte von Noah und seiner Arche auch erzählen. 25 Lehrerinnen und Lehrer erleben im Religionspädagogischen Institut Loccum (RPI) den Auftakt zu einer zweijährigen Weiterbildung „Evangelische Religion im Primarbereich“. Sie unterrichten bereits Mathematik, Englisch oder andere Fächer und wollen künftig auch Religionsunterricht erteilen dürfen. Am Ende der Weiterbildung stehen die Verleihung eines staatlichen Zeugnisses sowie die kirchliche Lehrbestätigung (Vokation).

Bislang reichte für die kirchliche Lehrbestätigung eine einwöchige Tagung, doch seit dem 1. Februar 2018 gibt es ein neues Vokationsgesetz. „Fachfremde“ Lehrkräfte dürfen Evangelische Religion auf Antrag nur maximal drei Jahre unterrichten, als Voraussetzung für die dauerhafte kirchliche Bestätigung ist nun die zweijährige berufsbegleitende Weiterbildung mit einem Gesamtumfang von 1.800 Stunden erforderlich. Dazu gehören acht mehrtägige Tagungen wie diese erste in Loccum, aber auch ein intensives Selbststudium und schriftliche Leistungsnachweise.

„Zuerst gab es schon Unruhe an den Schulen“, sagt Lena Sonnenburg, RPI-Dozentin für den Bereich Grundschulen. Es habe die Befürchtung gegeben, dass sich kaum noch neue Kolleginnen und Kollegen für den Religionsunterricht entscheiden. Doch dies ist offenbar nicht eingetreten. Lehrkräfte, die ihre Unterrichtserlaubnis nach dem alten Gesetz erhalten hätten, genössen dafür zudem Bestandsschutz. „Es ist schon wichtig, dass Religionslehrkräfte ein fundiertes Fachwissen haben“, sagt Sonnenburg, die an der Konzeption für die Weiterbildung mitgearbeitet hat. „Ich freue mich, dass ich die Tagungen nun selbst durchführen kann.“

Zur Seite steht ihr der promovierte Theologe Sebastian Sievers, der sonst als Gemeindepastor im Kirchenkreis Verden arbeitet. Er erklärt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in dieser ersten Einheit der Weiterbildung beispielsweise, wie sie sich in der Bibel zurechtfinden, führt aus verschiedenen Perspektiven in die Geschichte Israels ein und erläutert das Alte Testament. „Gute Religionslehrkräfte in der Grundschule sind für die Kirche total wichtig“, sagt Sievers. Wenn er als Pastor im Konfirmandenunterricht mit Jugendlichen zu tun habe, „sind die meisten Entscheidungen schon gefallen“.

Die 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Teilen Niedersachsens sind sich darin einig, dass Religionsunterricht ein ganz besonderes, unverzichtbares Fach ist. „Es ist nicht nur im Grundgesetz verankert, sondern die christliche Religion gehört auch zu unserer kulturellen Identität“, sagt Anja Hellwig, Leiterin der Grundschule Garbsen-Mitte. „Wir können den Schülerinnen und Schülern so christliche Werte wie Nächstenliebe und den Gemeinschaftsgedanken weitergeben.“ Viele Lehrkräfte schätzen außerdem, dass im Religionsunterricht abseits vom Leistungsgedanken Themen besprochen werden können, die den Kindern unter den Nägeln brennen.

In der Auftakttagung gibt Lena Sonnenburg Tipps, wie man biblische Geschichten kreativ erzählen kann. Den Bau der Arche und die Sintflut auf dem Rücken des Tischnachbarn nachzuspielen, macht einfach Spaß. Aber auch Erzählfiguren, Bilder oder andere Gegenstände können dabei helfen, dass die Phantasie angeregt und der Unterricht nicht zu wortlastig wird. Wichtig ist ihr auch: „Wir erzählen nicht von Gott, sondern von Menschen, die Erfahrungen mit Gott gemacht haben.“ Ähnlich sieht es Sebastian Sievers, der mit seinen Ausführungen aus der historisch-kritischen Wissenschaft dafür gesorgt hat, dass bei den angehenden Reli-Lehrkräften manches Glaubensbild aus eigenen Kindertagen zerbröselt ist. „Der Glaube wird dadurch beweglicher“, sieht es der Theologe positiv. Auch darum geht es in der Ausbildung: sprachfähig zu werden, wenn Kinder fragen und zweifeln. An welche Kinderfrage aus dem Unterricht erinnert sich Imke Steinbach von der Grundschule Geestenseth? „Wieso konnte Jona im Wal überleben? Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was ich geantwortet habe.“

Text und Foto: Lothar Veit

 

 

Stichwort Vokation: Was ist das eigentlich?

Die Vokation ist zu unterscheiden von der sogenannten Fakultas bzw. einem staatlichen Zertifikat: Wer Religion auf Lehramt studiert, der erhält am Ende seines erfolgreichen Studiums die Fakultas. Dies ist die offizielle staatliche Lehrerlaubnis. Lehrkräfte, die das Fach Religion nicht studieren, sondern eine Weiterbildung des NLQ (des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung) für ihre spezielle Schulform besuchen, erhalten dafür nicht die Fakultas, sehr wohl aber ein staatliches Zertifikat, mit dem ihnen bescheinigt wird, dass und in welchem Umfang sie sich weitergebildet haben.

Weil das Fach Evangelische Religion jedoch – und das ist eine Besonderheit im schulischen Fächerkanon – nicht nur vom Staat, sondern auch von der Evangelischen Kirche verantwortet wird (vgl. Art. 7 Abs. 3 GG: […] Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. […]), brauchen alle Religionslehrkräfte, egal an welcher Schulform, auch eine kirchliche Bestätigung. Das ist die sogenannte Vokation. Die entsprechende Vokations-Urkunde wird in einem feierlichen Gottesdienst überreicht, in dem auch jeder einzelne für seinen Dienst eingesegnet wird.