Banken – Scheinheilige Räume?!

von Petra Kretschmer und Anke Kelling-Nafe

 

 

Religionspädagogische Annäherungen
Hinführung


Vielerorts überragen die Banken und Sparkassen längst die Türme der Kirchen. Sie sind unübersehbar und befinden sich zumeist an herausragenden Plätzen, im Zentrum der Städte, ob das nun in unmittelbarer Nähe zum Marktplatz ist oder im Verbund mit anderen Instituten. In Frankfurt a.M. bilden die verschiedenen Kreditinstitute eine eigene Skyline. Sie entwickeln wegweisende städtebauliche Vorgaben für die Metropole und gehören so zur Identität der Stadt.

Die großen Bankgebäude sind ein Symbol für die Macht und Kraft des Geldes und wecken bei ihren Betrachtern durchaus ambivalente Gefühle. Ihre Größe fasziniert, weil sie Ausdruck ist für den wirtschaftlichen und politischen Einfluss der etablierten Banken. Der Zugang zu den Räumlichkeiten großer Banken und Sparkassen suggeriert u.a. Partizipationsmöglichkeiten an Ansehen, Wohlstand und Reichtum.“ ... Wie auch immer, ob Pforte, Portal, Tor oder schlichte Tür, hier wird die Grenze zwischen Innen- und Außenwelt zelebriert. Die hier von den Innewohnenden mit Kalkül in Szene gesetzten Objekte sind eine gebündelte und verdichtete, stumme aber um so unmissverständlichere Ansammlung von Botschaften an jene, die den Einlass begehren. Sie verkünden mit dem Gleichklang eines Chores die Geltung der Spielregeln und der auf ihnen gegründeten Ordnung, der sich die Eintretenden zu unterwerfen haben.“ [1] Der Glaube an die positive Macht des Geldes weckt bei vielen Menschen beglückende Lebensgefühle. Das eröffnet einen Mehrwert für die Seele. Orte, an denen Kredite gewährt werden, verheißen dem Kreditwürdigen neue Lebensmöglichkeiten; hier werden vordergründig neue Hoffnungen freigesetzt, das Leben kommt so neu in den Blick. Die Pracht und Ausstrahlung der mächtigen Gebäude lässt nachdenkliche Zeitgenossen aber auch erschauern, weil bei ihrem Anblick deutlich wird, dass nicht der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern allen profitable Geschäfte zählen. Wenn die Liquidität nachhaltig in Frage gestellt ist, wird die Erfindung des Geldes zu einem Übel, wird eine andere Seite, die dämonische Macht des Geldes spürbar.

In einer ansonsten eher entzauberten Welt werden zunehmend die Macht des Geldes und die damit verbundenen Konsummöglichkeiten ästhetisch verzaubert und quasi religiös inszeniert. Betrachtet man z.B. in Frankfurt a.M. die kathedralähnlichen Bankgebäude, so sind dies spektakuläre Bauten, die als Türme über sich hinausweisen. Die Welt der Banken hat hier eindrücklich die Dimension des Religiösen annektiert. Ursprünglich sind solche über sich hinausweisenden Stätten heilige Berge (Ex 3,1), das heilige Zelt (Ex 25, 22; 26,1) und der Tempel (2. Sam 7,1 – 4; Lk 2, 41-50) die Wohnung Gottes gewesen (Mt 23, 21). Im Neuen Testament wird Gott in der Person Jesu Christi selbst lokalisiert (Kol 1, 19; 2,9) oder auch die christliche Gemeinschaft als Gotteshaus bezeichnet (1. Petr 4, 17; Hebr 3, 3-6; 1. Kor 3, 16). Im säkularisierten Zeitalter des ausgehenden 20. Jahrhunderts werden kaum mehr bestimmte Örtlichkeiten als Wohnort Gottes wahrgenommen. Kirchen und Kathedralen werden im allgemeinen nicht mehr als besonders heilige Stätten erlebt. Sie sind Orte der Besinnung und Einkehr, Versammlungsräume, an denen im Gottesdienst die christliche Gemeinschaft miteinander feiert, vielerorts multifunktional genutzt als Begegnungsmöglichkeit. [2] So ist im christlichen Glauben die Erfahrung von Gottesgegenwart nicht auf bestimmte Orte und Räume begrenzt, sie ist grundsätzlich überall auf der Welt möglich. [3]

Zur Gestaltung und Architektur von Bankgebäuden und –räumen sind in der neuren Zeit Gesichtspunkte aufgenommen worden, die aus zum Teil sehr alten Überlegungen zur Schaffung heiliger Räume stammen. [4] In dem Bewusstsein, auf diese Weise Sehnsüchte des Menschen anzusprechen, werden in der Erwartung sinnvoller Investitionen von Gewinnmaximierung in Analogie zu Kirchengebäuden als Ort, wo Gott als Geheimnis seinen Platz hat und der Mensch durch die Begegnung mit dem Ort in die Nähe des Heiligen rückt, quasi religiöse Inszenierungen gestaltet. [5] Unter Konzentration auf das Wesentliche ist ein Großteil der modernen Bankgebäude in seiner Ausstattung sehr bewusst kreiert. Diese „Gebäude und Räume (nehmen) mit einer ihnen eigentümlichen Beredsamkeit Kontakt zu uns auf, sie suchen uns, um uns wortlos, aber gestenreich in ihren Bann zu ziehen.“ [6] Sie umgeben uns mit einer Atmosphäre von Ehrfurcht und Ehrerbietung vor der unsichtbaren Macht des Geldes.

Diese Eindrücke sollen den SchülerInnen bei der Erkundung von Bankgebäuden bewusst werden. Mithin wird bei der Auswertung der Bankbesuche neben einer Analyse der Erfahrungen und des Erkenntniszuwachses im Unterricht der Frage nachzugehen sein, ob und inwieweit Banken zum Teil bewusst als quasi religiöse Räume mit trügerischem Schein gestaltet werden (siehe als Medium: Karikatur von H.-G. Rauch, Zeitzeichen-Heiligtum, Anlage 1).

In diesem Zusammenhang ist Einblick zu nehmen in den Bedeutungsgehalt von Scheinheiligkeit mit seinen Widersprüchlichkeiten und seiner zum Teil doppelten Moral. [7] Im weiteren Verlauf könnten auch verschiedene Aspekte dessen, was Menschen heute überhaupt heilig ist, erörtert werden. [8]

Es wird zu fragen sein, ob und inwieweit die SchülerInnen Analogien entdecken zwischen den Räumen der Kreditinstitute und den heiligen Räumen von Kathedralen, Kirchen oder Tempeln, die Gottheiten geweiht sind. Daraus ergeben sich weitergehende Fragestellungen wie z.B.:

  • Welcher Mehrwert an Leben soll ggf. durch die architektonische Gestaltung bestimmter Orte verkörpert werden?
  • Welche Formen von Gläubigkeit sind in diesen Räumlichkeiten zu finden?

  • beginnt die Macht des Geldes neben anderen Institutionen in unserer Gesellschaft den Glauben an die transzendente Macht Gottes zu ersetzen?
  • Wird diese zu einer Ersatzreligion?
  • Können die Serviceangebote der Banken und Sparkassen Ersatz bieten für religiöse Rituale?
  • Inwieweit verkörpern die Frauen im Kostüm und die Männer in Anzug und Krawatte hinter den Schaltern und Tischen der Banken die modernen Gewänder der Hohen Priester?
  • Erfüllen sie durch ihre Präsenz und durch ihre Rituale Bedürfnisse an Zuwendung und Begleitung in zum Teil auch schwierigen Lebenssituationen, die andernorts Aufgabe der Seelsorger sind?
  • Welche Chancen haben letztlich die beiden großen Kirchen in unser säkular geprägten Welt?
     

Zur Durchführung

Handlungsorientiertes Lernen bietet grundsätzlich die Chance, bestimmte Schlüsselqualifika­tionen, die nach Schulabschluss einer konstruktiven beruflichen Handlungsfähigkeit dienen, im Vollzug schulischer und außerschulischer Prozesse exemplarisch einzuüben. Der Besuch ver­schiedener Kreditinstitute vor Ort in Kleingruppen beinhaltet neben einer Besichtigung der Bankgebäude ihre Erkundung sowie Expertenbefragungen.

Im Vorfeld ist seitens der LehrerInnen eine Kontaktaufnahme mit der jeweiligen Marketing­abteilung der zu besuchenden Kreditinstitute sinnvoll (siehe Anlage 2: Anschreiben an die Banken). Den Ansprechpartnern in den Banken und Sparkassen sollte das Projektvorhaben bekannt sein; im besten Fall wird es seitens der Kreditinstitute als Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit wahrgenommen, so dass eine Durchführung des Projekts im gegenseitigen Einvernehmen zwischen Schule und Kreditinstituten geschehen kann. Wichtig sind in diesem Zusammenhang klare Terminabsprachen. Seitens der Schule ist hierfür ein gewisses Maß an Flexibilität not­wendig, denn die von den Kreditinstituten vorgeschlagenen Termine können zum Teil Unter­richtszeiten betreffen, die sich nicht mit dem Religionsunterricht im Stundenplan der Schule decken. Von den SchülerInnen wird die Bereitschaft erwartet, einmalig ggf. in unterrichtsfreier Zeit die geplanten Bankbesuche durchzuführen. Wenn es auch im Sinne eines handlungsorien­tierten Lernens wünschenswert gewesen wäre, dass die Heranwachsenden die Kontakte zu den Kreditinstituten selbständig knüpfen (z.B. zur Einübung ihrer kommunikativen Fähigkeiten und um Problemlösungs- und Gestaltungsfähigkeiten auszubauen), so scheint für die Koordinierung des Gesamtvorhabens eine Vorstrukturierung durch die Lehrkräfte unerlässlich. Der Vorteil liegt darin, dass zum verabredeten Termin tatsächlich alle Beteiligten informiert sind und es nicht zu Irritationen kommt, wenn sich SchülerInnen anders als Bankkunden sonst in den Räumen bewegen und dort längere Zeit verweilen, um z.B. die Architektur des Raumes auf sich wirken zu lassen. Die Kleingruppen haben bei der Bankbesichtigung neben der Erkundung der allgemein zugänglichen Räume je nach Ansprechpartner auch die Möglichkeit, Räumlichkeiten, die dem Bankkunden nicht ohne weiteres offen stehen, in den Blick zu nehmen (z.B. Konferenzräume, Tresorräume). In den Gesprächen stellen die Ansprechpartner der Banken ihres Sachkompetenz zur Verfügung. Danben bekommen die meisten SchülerInnen durch die Art und Weise, wie sie empfangen werden, Beispiele von personaler Kompetenz. Die Besuche in den Kreditinstituten haben gezeigt, dass die MitarbeiterInnen den Heranwachsenden mit Engagement, mit einem hohen Maß an Offenheit und Hilfsbereitschaft begegnet sind. Erfahrungen solch personaler Schlüsselqualifikationen sind von den SchülerInnen durchweg positiv vermerkt worden.

Das Arbeitsblatt zur Bankbesichtigung (siehe Anlage 3) ist als Orientierungshilfe bei der zu bewältigen Aufgabe anzusehen. Derartige Fragestellungen und Inhalte können von den Heran­wachsenden im Unterricht selbständig entwickelt werden. Sie sind als Leitfaden für die Banker­kundungen gedacht, so dass vor Ort die wesentlichen Themenschwerpunkte (siehe Unterrichts­skizze) nicht aus dem Blick geraten.

SchülerInnen, die an dem verabredeten Termin z.B. aus Krankheitsgründen abwesend sind, bekommen eine Sonderaufgabe (siehe Anlage 4, Arbeitsblatt), so dass die Fehlenden zumindest die Möglichkeit haben, exemplarisch einen wesentlichen Aspekt der Kundenbetreuung in den Kreditinstituten kennen zu lernen. Dabei sollen diese SchülerInnen das Bankgebäude zugleich als bewusst gestaltete Räumlichkeit auf sich wirken lassen. Die Ergebnisse dieser Informations­gespräche werden im Unterricht vergleichend dargestellt und der gesamten Lerngruppe präsen­tiert. Auf diese Weise bekommen alle in der Lerngruppe Einblicke in bestimmte Anlagemög­lichkeiten und können so erkennen, dass im konkreten Fall einer Geldanlage ein Vergleich zwischen den Angeboten der verschiedenen Kreditinstitute durchaus finanzielle Vorteile mit sich bringen kann. Für Schulen, die in kleineren Städten oder ländlichen Gebieten liegen und keine günstige Verkehrsanbindung an eine größere Stadt mit entsprechend modernen Bankgebäuden und spektakulärer Architektur (quasi religiöser Raumgestaltung) haben, können die genannten Inhalte weniger handlungsorientiert ohne die Bankbesuche erarbeitet werden (siehe Anlage 5a und b, Arbeitsblatt: Heilige Räume in einer säkularen Gesellschaft, Kreditinstitute – Heiligtümer der „Marktmenschen“ heute) [9] Der Einsatz dieses Arbeitsmaterials würde sich im Anschluss an eine Begriffserklärung heilig/scheinheilig – Banken als Tempelersatz anbieten.

Als Vertiefung zur Wirkung von Architektur und Raumgestaltung in Banken lässt sich entweder als Hausaufgabe oder im Unterricht selbst das Arbeitsblatt „Vom Umgang mit heiligen Räumen“ (Anlage 6) einsetzen.
 

Lernziele zur Unterrichtssequenz

Die SchülerInnen sollen ...

  •  mit ihren Sinnen Raumgestaltung erfassen (Architektur, Innenarchitektur, Kunstgegenstände u.ä.);

  •  die Auswirkungen von Stimmungen im Raum (z.B. als Machtfelder) wahrnehmen;

  •  sich mit dem Image verschiedener Kreditinstitute auseinandersetzen;

  • Sensibilität entwickeln für verschiedene religiöse bzw. quasi religiöse Motive in einer säkular geprägten Welt;

  • die Bedeutung des Bauwerks Kirche/Kathedrale als Raum für religiöse Erfahrungen erfassen;

  • erkennen, dass Raumgestaltung und kultartige heilige Inszenierungen in Kreditinstituten zum Tei religionsanalog stattfinden;

  • Zusammenhänge herstellen zwischen religionsanalogen Inszenierungen und religiösen Fragen des Menschen bei der Suche nach Lebenssinn;

  •  zwischen irdischem Glanz in profanen Gebäuden und einem heiligen Schein, der zu jeder Religion dazugehört, unterscheiden lernen;

  •  sich mit Gefahren der Entweihung von Kirchengebäuden als heiligen Stätten auseinandersetzen;

  •  Erfahrung sammeln in der Begegnung mit Experten.

     

Skizze zur Bankerkundung

Inhalt

Methode/Arbeitsform

Medium

Bankbesuche mit Expertenge­sprächen in den Kreditinstituten

* Themenschwerpunkte
1. Architektur und Innengestaltung der Bankgebäude – religions­analoge Inszenierung in einer säkularen Welt
2. Werbung in den Kreditinstituten mit religiösen bzw. quasi religiösen Motiven
3. Kundenverhalten
4. Kundenbetreuung
5. Image der Banken

 * Sch. erkunden die Kreditinstitute

 *  Kleingruppenarbeit (3-5 SchülerInnen)

 * Expertenbefragung

 * Sch. fertigen Mitschriften an, notieren sich Einzelheiten der Beobachtung

 * Stifte

 * Papier

 * Arbeitsblatt zur Bankbesichtigung (Anlage 3)

 *  Werbematerialien der Kreditinstitute

Hausaufgabe:

Ergebnisse in ansprechender Form zur Präsentation vorbereiten

  * Sch. erarbeiten die schriftlich vor­zulegende Projektarbeit

  * Werbematerial der Kreditinstitute

  *  PC-Arbeit

  * Ggf. OH-Folien

Sonderaufgabe für SchülerInnen, die bei den Bankbesichtigungen gefehlt haben: Gespräch mit einem Kunden­betreuer in einem Kreditinstitut der eigenen Wahl über Anlageformen und Zinsmöglichkeiten

 * L. erteilen Sonderaufgabe.

 * Sch. informieren sich in der Teilgruppe

 * Sch. dokumentieren die Ergebnisse schriftlich und präsentieren diese.

 *Bündelung der Ergebnisse und kritische Würdigung

  * Arbeitsblatt mit Sonderaufgabe (Anlage 4)

  * Exposé der Kreditinstitute

  * Werbematerial der Kreditinstitute

  *  PC-Arbeit

Unterrichtverlauf zur Auswertung der Bankbesuche

 

Inhalt

 

 

Methode/Arbeitsform

 

Medium

 

Präsentation der Bankbesuche: Ein­drücke, Erfahrungen und Ergebnisse der Schülerexkursion

* L. nehmen die Hausarbeiten zur Kenntnis 

* Sch. vergleichen die Ergebnisse

*  L. nehmen Benotung der Arbeiten vor.

* Schriftlich vorliegende Referate der Kleingruppen

* Werbematerial der Kreditinstitute

* Religiöse und quasi religiöse Elemente in der Architektur und Raumgestaltung von Kreditin­stituten

* Religionsanaloge Inszenierungen in Kreditinstituten

* Der Kunde als König

* Der Kundenbetreuer als Priester und Ersatzprophet

* Sch. bearbeiten in Einzelarbeit die Arbeitsaufträge

* Sammeln der Ergebnisse im Unterrichtsgespräch

* Arbeitsblatt mit Schüleräußerungen, exemplarisch zusammengestellt (Anlage 5a und 5b)

Unterrichtsverlauf „Banken und Tempel“

Inhalt

Methode/Arbeitsform

Medium

  * Banken als Tempelersatz

  * Begriffsklärung „Tempel“ und „heilig/scheinheilig“

  * Unterscheidung zwischen Bank­gebäuden und Tempeln bzw. Kirchen/Kathedralen

  * Sch. deuten die Karikatur „Zeit­zeichen – Heiligtum“ von Hans Georg Rauch.

  * Unterrichtsgespräch

 * OHP-Folile: Karikatur von H.-G. Rauch, Zeitzeichen-Heiligtum (Anlage 1)

  *  Bauwerk Kirche/Kathedrale als Raum für ... 
 -        Gotteserfahrungen
 -        Sakrale Atmosphäre als Hilfe zur Sinn- und Kontingenzbewältigung
 -        Gottesdienste und Feiern
 -        Heilige Handlungen
 -        Sakramentenspende
  -   ...

  * Sch. stellen Assoziationen zu Banken und sakralen Gebäuden gegenüber.

  * Unterrichtsgespräch

 * TA

 * Ggf. zur Unterstützung folgende Medien:
- Privatfoto vom Kölner Dom, Hamburger Michel o.ä.
- Grundrissskizze der Citykirche, Folie 2 aus: Religion betrifft uns, Sehnsucht nach heiligen Stätten, Wo wohnt der liebe Gott?, Heft 3/93

 *  City-Kirchen im Wandel der Zei­ten: Umgestaltung und Nutzung von Innenstadtkirchen wegen Überkapazität an Kirchenraum
 -        als Kirche UND Wohnstätte
 -        Kirchenfassade als Reklamewand
 -        Kirchenbau als Seniorenheim

 * Möglichkeiten und Grenzen: Sehnsucht nach Geschehnissen, die Menschen ergreifen

  * Gefahr der Entweihung

 * Lehrervortrag

 * Bildbetrachtung

  * Unterrichtsgespräch

 * Karikatur von J. Pumhösl, Hier entsteht ein Einkaufs- und Frei­zeitcenter in: Religion betrifft uns Heft 3/93, 7 Innenstadtkirchen in ihrem Bestand gefährdet, S. 24

 *  Kirche und Kommerz in: Public forum, Heft 11/99, S. 26f.

  * TA

Ggf. als Hausaufgabe:

* Sensibilisierung für die Bedeutung von Räumen

* Lebensspendende Kraft, die von profanen und heiligen Räumen ausgeht

* Sinn und Zweck von Kirchenge­bäuden im Gegenüber zu Bank­gebäuden

* Die Bedeutung des Heiligen im Profanen

 * Erarbeitung im Unterrichtsgespräch

  * Arbeitsblatt: Vom Umgang mit heiligen Räumen (Anlage 6)

Foto: Michael Künne

Anlage 1

Hans-Georg Rauch:
Zeitschriften

aus: Die Zeit Nr. 52
vom 20.12.91. S. 56

ANLAGE 2

Petra Kretschmer, Berufsschulpastorin, Pastoralpsychologin                         1999-02-26

Anke Kelling-Nafe, Studienrätin

Friedländer Weg 33-43
37085 Göttingen

Anschrift der Kreditinstitute

Bankbesichtigung durch Schüler der BBS 1

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Rahmen eines Unterrichtsprojektes der BBS 1 Arnoldi-Schule im Fach Evangelische Religion gehört es zum Konzept der Unterrichtseinheit „Geld und Zins in verschiedenen Religionen“, dass die SchülerInnen die verschiedenen Kreditinstitute vor Ort wahrnehmen und diese anhand spezieller Fragestellungen zum Bankwesen im weiteren Verlauf des Unterrichts gegenüberstellen.

Wir bitten Sie, in den kommenden 2-3 Wochen jeweils einer Kleingruppe von 3-5 SchülerInnen die Möglichkeit zu geben, die der Öffentlichkeit zugänglichen Geschäftsräume zu besuchen, damit sie sich vor Ort einen Eindruck von Architektur, Atmosphäre, Image sowie angebotenem Werbe- und Prospektma­terial verschaffen können.

Die SchülerInnen sind angehalten, sich dabei angemessen zu verhalten.

Die Arbeitsaufträge für die SchülerInnen können Sie der Anlage entnehmen.

Sollten Sie mit dem Besuch der SchülerInnen ggf. nicht einverstanden sein, bitten wir Sie um Rückmeldung.

Mit freundlichem Gruß

Anlage:

Arbeitsblatt zur Bankbesichtigung

ANLAGE 3

Arbeitsblatt zur Bankbesichtigung

Ihr Besuch in der Bank ist der Geschäftsleitung bekannt.

Bewegen Sie sich bitte unauffällig, so dass es zu keinen Störungen im Geschäftsalltag der Bank kommt. Machen Sie sich dabei Aufzeichnungen zu folgenden Punkten:

1. Suchen Sie sich einen Platz in der Bank, von dem aus Sie ca. 5 Minuten das Geschehen beobachten können.
- Was nehmen wir an?
- Beschreiben Sie die Atmosphäre in der Bank.
- Wodurch wird die Atmosphäre erzeugt? (Architektur, Baumaterial, Farbgestaltung, Rumgestaltung (etc.)

2. Beschreiben Sie das Verhalten
a) der Angestellten
b) der Kunden.

3. Gehen Sie bewusst durch die Räume, die für Sie offen stehen.
- Beschreiben Sie das Image, das sich das Kreditinstitut Ihrer Meinung nach gibt.
- Womit wirbt das Kreditinstitut?
- Welche Schwerpunkte fallen Ihnen auf?
- Sammeln Sie dazu jeweils Prospektmaterial.

4. Welche Bedeutung von Geld wird in dem Kreditinstitut besonders hervorgehoben?

5. Stellen Sie unterschiedliche Möglichkeiten der Verzinsung dieser Bank (Soll- und Habenzinsen) dar. Sammeln Sie dazu wieder Prospektmaterial. Beachten Sie dabei besonders Anlagemöglichkeiten für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.

6. Hausaufgabe: Präsentieren Sie Ihre Ergebnisse bis zur nächsten Unterrichtsstunde in ansprechender Form.

ANLAGE 4

Sonderaufgabe

Suchen Sie in den Kreditinstituten einen Kundenberater auf.
Klären Sie, wie Sie eine Summe von 10.000.00 DM bis 20.000.00 DM sinnvoll anlegen können.
Informieren Sie sich dabei besonders über die derzeitigen Zinsen, die Laufzeit und das Risiko der Anlagemöglichkeiten.

ANLAGE 5

Heilige Räume in einer säkularen Gesellschaft
Kreditinstitute – Heiligtümer der „Marktmenschen“ heute

„Die heiligen Räume im postmodernen Kommunikationszeitalter entwickeln ihre eigene Atmosphäre. Sie nehmen die Menschen, die sich ihnen anvertrauen, mit den je eigenen Ritualen ganz gefangen. Sie sind so angelegt, dass Menschen sich nicht nur dem Ritual der Räume unterwerfen, sondern auch dem Ritual der Einflüsterungen, dem Ritual der außengeleiteten Verhaltensformen. Sie verlieren damit auch ein Stück Mündigkeit. Es ist wahr: Der Protestantismus bietet wenig Raum für spirituelle Bedürfnisse.“

SchülerInnen haben im Rahmen eines Projekts zum Thema „Die Bedeutung von Geld heute“ u.a. Kreditinstitute einerseits mit ihren jeweiligen konkreten Angeboten und ihrer je spezifischen Kunden­betreuung, andererseits mit ihrer Architektur und Raumgestaltung in den Blick genommen:

1. „Geld ist in diesem Kreditinstitut eine Ware, die zum Verkauf steht wie im Einzelhandel, z.B. Kleidung“ (Tobias, 18 Jahre)

2.  „Alle registrierten Kunden sind klassifiziert nach Einkommen und Vermögen. Dem Kunden wird jedoch vermittelt, dass ihm grundsätzlich alle Türen offen stehen, der Aufstieg in eine höhere Gesellschaftsschicht möglich ist. Denn das Geld des Kunden ist sein Gewinnbringer.“ (Silke, 17 Jahre)

3.  „Die Freundlichkeit der Angestellten soll ausdrücken, dass sich der Kunde in guten Händen befindet, so dass er der Bank sein Geld anvertrauen kann.“ (Till, 18 Jahre)

4.  „Das Image der Bank geht dahin, dass sich der Kunde wohlfühlen soll und das wird nicht nur durch die Architektur unterstützt, sondern auch durch die individuelle Beratung der Bank. Die Bank versucht, es möglich zu machen, jedem Kunden seinen persönlichen Berater zur Seite zu stellen, so dass der Kunde nicht jedem in der Bank von seinen Anlagen immer wieder neu erzählen muss, sondern in seinem Berater einen Vertrauten hat, der ihn bei allem gut berät. Das Ziel dieses Kredit­institutes liegt darin, dass der Kunde meint, sich Träume erfüllen zu können, die er sich sonst so nicht leisten könnte. Nicht das Geld, sondern die Erfüllung der Wünsche und Träume der Kunden stehen hier im Vordergrund. Die Angebote der Bank machen den Kunden zufrieden. Weil er sein Geld gut verwaltet weiß, fühlt er sich mit Geldangelegenheit nicht belastet. Die Angestellten nehmen den Kunden die Fragen des Geldes ab, so bekommen sie ein Gefühl von Freiheit und Sicherheit." (Karolin, 19 Jahre)

5.  „Die Empfangshalle ist mit großen Säulen ausgestattet wie herrschaftliche Gebäude früher, Regierungsgebäude, Häuser, in denen sich die Mächtigen aufgehalten haben. Damit soll rüber­kommen, dass die Bank mächtig ist und mit dem Geld der Kunden verantwortungsvoll wie ein Herrscher umgeht.“ (Frauke, 17 Jahre) 

6.  „Zunächst einmal ist zur Atmosphäre zu erwähnen, dass in der Bank ein angenehmes Licht vor­herrscht. Es sieht nicht künstlich aus, wie man es in vielen Geschäften finden kann. Es wirkt sehr natürlich. Durch die Verwendung von viel Glas als Baumaterial wird der Lichteffekt noch verstärkt. Alles erscheint hell und freundlich, so dass man den Eindruck hat, dass es hier nichts zu verbergen gibt.“ (Martin, 19 Jahre) 

7.  „Ich habe meinen Standort häufig gewechselt. Dabei ist mir aufgefallen, dass die meisten Kunden tat­sächlich den Haupteingang benutzen. Den mit der großen Drehtür aus Glas und Metall. Dieser Eingang vermittelt mir ein Gefühl von Macht, Reichtum, Erfolg und Qualität.“ (Evelyn, 18 Jahre)

8.  „Es fällt auf, dass der Geräuschpegel in der Bank sehr niedrig ist. Die Kunden bemühen sich, leise zu handeln. Vielleicht liegt das daran, dass Geld ein besonderes Thema ist und eine besondere Eigen­schaft hat. Das eigene Vermögen ist etwas, was die anderen nichts angeht. Einem selbst gibt es aber ein Gefühl von Macht und Ansehen. Vielleicht versucht man sich deshalb unwillkürlich 6 zu verhalten."“(Julia, 20 Jahre) 

9. „Die Atmosphäre in der Bank ist sehr außergewöhnlich. Man kommt sich eigentlich gar nicht vor wie in einer Bank. Wegen der vielen Fenster gibt es in der Bank viel natürliches Licht und alles ist sehr hell. Die Mitte der Bank ist mit einer Kuppel überdacht. Unter dieser Kuppel befindet sich ein Spring­brunnen, der von vielen grünen Pflanzen umringt ist. Der Künstler selbst hat diesem Brunnen den Namen ‚große Himmelstreppe‘ gegeben. Das Wasser plätschert dort beruhigend wie eine nie versie­gende Quelle. In seiner Reinheit und Klarheit bürgt es für Qualität. Es soll wohl auf den unendlichen Kreislauf des Geldes und seine Möglichkeiten hinweisen. Rund um diesen Brunnen befinden sich vereinzelt blaue Sitzbänke und schwarze Schreibtische. Die Schalter sind aus hellem Holz. Diese ganze Atmosphäre ist schwer zu beschreiben, weil man solch ein Flair nicht mit einer Bank in Verbindung bringt. Das allerdings hat die Bank genau so gewollt. Sie wollte erreichen, dass der Kunde einfach reinkommt und sich wohlfühlt (Erlebnisbanking).“ (Wiebke, 18 Jahre)  

Arbeitsaufträge

  1. Sie haben die Äußerungen von SchülerInnen über ihre Eindrücke im rahmen von Bankbesichtigungen gelesen. Unterstreichen Sie die Aussagen, aus denen sich ggf. ableiten lässt, dass die Gestaltung der Räume in einer Bank und die Art und Weise der Kundenbetreuung nicht zufällig ist im Sinne von beliebig, sondern in einem bestimmten Konzept/Image begründet sein könnte.
  2. Leiten Sie daraus mögliche Ziele für ein Image ab, das sich Kreditinstitute nach außen bewusst geben wollen.
  3. Legt man Paul Tillichs Religionsbegriff zu Grunde, so ist Religion „... im weitesten und tiefsten Sinne des Wortes das, was uns unbedingt angeht“, etwas, was meine Informationskapazität übersteigt, als ein ‚Sich-Hineinfallen-Lassen‘ in eigene irrationale Wünsche oder Ängste. Kreditinstitute nehmen religiöse Bedürfnisse von Menschen auf und nutzen diese für ihre eigenen Ziele. Worin unterscheiden sich diese Inszenierungen mit religiösem Charakter von den Angeboten der christlichen Kirche?

ANLAGE 6

Vom Umgang mit „heiligen“ Räumen

„Gestaltet wird jeder Raum durch Objekte, die sich darin befinden, durch Personen, die sich darin aufhalten, durch Funktionen, die dort zu erfüllen sind, sowie durch Stimmungen, die sich in ihm ausbreiten. Räume sind deswegen immer auch Machtfelder. Man kann dort in Situationen geraten, in Geschichten verstrickt werden, in Gesten sich selber entdecken.

Handlungsfähig sind Menschen dementsprechend nur dann, wenn sie sich auf Anmutungen, die von Räumen ausgehen, einzustellen vermögen. Dass Räume Machtfelder darstellen, erfährt man am ehesten dadurch, dass sie lebenssteuernde Kraft entwickeln. Gegenstände, die sich darin befinden, bestimmte mein Verhalten. Personen, die sich darin aufhalten, provozieren meine Reaktion – ihr Anblick erfreut mich, ihre Anfragen beantworte ich. Stimmungen, die sich darin entwickelt haben, beeinflussen meine eigene Gestimmtheit.“

(aus: Manfred Josuttis, Vom Umgang mit heiligen Räumen, S. 36-44, in: Thomas Klie, Hg., Der Religion Raum geben, Kirchenpädagogik und religiöses Lernen, Münster 1998)

Arbeitsaufträge

  1. Geben Sie den Inhalt mit eigenen Worten wieder und erörtern Sie die wesentlichen Textaussagen im Blick auf die Wirkung von Architektur und Raumgestaltung, so wie Sie Ihnen in den von Ihnen besuchten Kreditinstituten begegnet ist.
  2. Sie haben bei Ihren Besuchen in den Kreditinstituten die Räumlichkeiten auf sich wirken lassen. Schildern Sie diese Wirkung und stellen Sie sie in einen Zusammenhang mit den von Manfred Josuttis genannten Möglichkeiten.
  3. Welche Arten bzw. Formen von Macht sind Ihnen dabei besonders aufgefallen?
  4. Vergleichen Sie diese Arten von Macht und Mächtigkeit in Bankgebäuden mit der von Kathedralen und Kirchen!

Anmerkungen

  1. Sh. J. Freimuth, Herzlich beklommen, S. 56.
  2. Sh. Unterrichtssequenz: Citykirchen im Wandel der Zeiten, S. 6 und vgl. F. Mischkowski/Ch. Rath, Unterrichtsthema: Kirchenraum, in: Loccumer Pelikan, 1/99, S. 24f.
  3. Vgl. M. Josuttis, Vom Umgang mit heiligen Räumen, S. 36.
  4. Zu der Frage, wie ein Ort zu einem heiligen Ort wird, was einheiliger Raum überhaupt ist und was ihn auszeichnet, vgl. M.Josuttis, Vom Umgang mit heiligen Räumen, S. 36ff.
  5. Vgl. E. Bibelriether, Dass mein Leben auch wieder so schön wird, Der „Raum Kirche“ als Ort der Sehnsucht, in ZGP, Mai bis Juli, 2/99, S. 10f.
  6. Sh. J. Freimuth, Herzlich beklommen, S. 55.
  7. Vgl. W. Schneider, Sprich mit doppelter Zunge, Wasser predigen, Wein trinken? Selbstverständlich! Ein Lob der Scheinheiligkeit, in: Die Zeit, Leben, Nr. 30, 22.Juli 1999, S. 5.
  8. Vgl. A. Kall, Sehnsucht nach heiligen Stätten, Wo wohnt der liebe Gott? In: Religion betrifft uns, Heft 3/93, S. 17ff.
  9. Die auf dem Arbeitsblatt abgedruckten Schüleraussagen sind im Rahmen des durchgeführten Projekts im Zusammenhang der Bankbesuche entstanden.

 

Literatur

  • Baas, D., Kirche und Kommerz, „Bloß kein Kaufhaus in der Kirche“. In: Public forum, Heft 11/99, S. 26ff.
  • Bibelriether, E., Dass mein Leben auch wieder schön wird, Der „Raum Kirche“ als Ort der Sehnsucht. In: ZGP, Mai bis Juli 2/1999, S. 10f.
  • Josuttis, M., Vom Umgang mit heiligen Räumen. In: Th. Klie, Hg., Der Religion Raum geben, Kirchenpädagogik und religiöses Leben, Münster 1998, S. 34-44.
  • Kall, A., Sehnsucht nach heiligen Stätten, Wo wohnt der liebe Gott? In: Religion betrifft uns, Heft 3/93, S. 17ff.
  • Mischkowski, F./Rath, Ch., Unterrichtsthema: Kirchenraum. In: Loccumer Pelikan, 1/99, S. 24f.
  • Rauch, H.-G., Zeitzeichen – Heiligtum. In: Die Zeit, Nr. 52, 20.12.1991, S. 56.
  • Schneider, W., Sprich mit doppelter Zunge, Wasser predigen, Wein trinken? Selbstverständlich! Ein Lob der Scheinheiligkeit. In: Die Zeit, Leben, Nr. 30, 22.07.1999, S. 5
 

Text aus Loccumer Pelikan

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