Petrus begegnen - Annäherungen an den Verleugner
Eine Doppelstunde am Fachgymnasium

von Matthias Günther

 

Das biblische Petrusbild – und damit ist in der Regel zunächst das Petrusbild des ältesten Evangeliums, des Markusevangeliums gemeint, wird zumeist als ambivalent beschrieben. Petrus zeige eine zwiespältige Persönlichkeit, er sei treu und versage dann doch, er sei fest in seinem Bekenntnis und dann doch ganz schwach, wenn es darauf ankommt, sich auch öffentlich zu Jesus als dem Christus zu bekennen. Zeigt er in seiner inneren Zerrissenheit, so wird gefragt, den „typischen Jünger“ (den typischen Christen)? Ist der Petrus der Bibel also ein Typus? Schwankt jeder Jünger Jesu (Christ) zwangsläufig zwischen Treue und Versagen?

Die Unterrichtsstunde ist Teil einer Einheit „Der Mensch auf der Suche nach Identität“ und thematisiert den „An­spruch des Menschen auf autonome Selbstverwirklichung in Spannung zu seiner Wesensbestimmung als Geschöpf und Ebenbild Gottes“. Sie beabsichtigt eine Stärkung der Deutungskompetenz der Schülerinnen und Schüler. Sie sollen:

  • in der Deutung der Grunderfahrung, an der Fiktion autonomer Selbstwertsicherung zu scheitern, die Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz entdecken und
  • das Selbstverständnis der Christen in Gegenwart Gottes am Beispiel des ersten Jüngers Jesu erarbeiten.




Biblisch-theologische Überlegungen

Simon, der galiläische Fischer, der schon bei seiner Berufung den Beinamen Kefas/Petrus (= der Stein) erhielt (vgl. Mk 3,16; zur Unterscheidung von Simon Kanaanäus?), erscheint im Markusevangelium in 15 Szenen2. Der Eindruck eines zwischen Treue und Versagen, zwischen Schwäche und Festigkeit schwankenden ersten Jüngers Jesu entsteht, wenn man die Szenen vom Treueversprechen des Petrus (Mk 14,29.31) auf der einen Seite und von seiner Verleugnung (Mk 14,54.66-72) auf der anderen Seite gegenüberstellt.

Die Verleugnungserzählung bereitet den Exegeten erhebliche Schwierigkeiten. Vor allem wird gefragt: Was waren die ursprüngliche Bestimmung und die praktische Verwendung dieser Erzählung, in der Petrus doch so schwach erscheint? Oder kurz: Wozu steht diese Geschichte im Markusevangelium?

Die Verleugnungserzählung ist von Markus mit der Erzählung über das Verhör Jesu vor dem Hohen Rat (V. 53.55-65) verschachtelt worden: V. 66f setzen die V. 54 begonnene Erzählung fort (vgl. die gleichen Ortsangaben und den Hinweis, Petrus wärmte sich).
Der erste Teil der Weissagung Jesu (V. 27: die Schafe werden sich zerstreuen) ist durch die Jüngerflucht erfüllt worden, nach Jesu Verhaftung „verließen ihn alle und flohen“ (V. 50). Die Verleugnungserzählung zeigt nun, wie sich auch der zweite Teil, die Ansage der dreimaligen Verleugnung des Petrus (V. 30), erfüllt.


Im Einzelnen:

V. 54 ist vor dem Hintergrund der allgemeinen Jüngerflucht (V. 50) zu verstehen; zunächst verließ auch Petrus Jesus, nun aber folgt er ihm in großer Distanz („von ferne“).

V. 66-68: Die Angabe, Petrus sei unten im Hof (V. 66a), bezieht sich auf V. 54 und lässt erkennen, dass Jesus zur gleichen Zeit oben in den Räumen des hohepriesterlichen Hauses ist. Das wärmende Feuer ist vor allem Lichtquelle – es ist Nacht (vgl. Mk 15,1) – und ermöglicht die Identifizierung des Petrus als Begleiter des „Nazareners“, also als Begleiter Jesu (vgl. Apg 24,5) durch die Magd. Sie schaut ihn an und spricht ihn an. Petrus distanziert sich deutlich von der Magd („weder weiß ich, noch verstehe ich“ verbindet Verben gleicher Bedeutung im Sinne von „Ich will damit nichts zu tun haben!“). Er geht in den Vorhof hinaus und damit vom Haus der Verhandlung über Jesus weg. „Petrus weicht von der Magd, entfernt sich von Jesus, dem er nachgefolgt war (V. 54); die Distanzierung ist räumlich übersetzt.“3 Der erste Hahnenschrei markiert den zeitlichen Rahmen des folgenden Geschehens: Vor Anbruch des Morgens (vgl. Mk 13,35) wird die Geschichte ihren Höhepunkt erreicht und die Weissagung Jesu sich erfüllt haben.

V. 69-70a: Die Magd (vielleicht dieselbe, die Petrus dann in den Vorhof gefolgt wäre; vgl. Mt 26,71: eine andere Magd; Lk 22,58: ein Mann) erneuert gegenüber den Dabeistehenden (nicht aber gegenüber Petrus!) ihre Aussage, dass sie Petrus als einen der Begleiter Jesu erkannt habe. Petrus wiederholt (gegenüber der Magd) genau das, was er zuvor sagte.

V. 70b-71: Die Dabeistehenden sprechen Petrus „nach einer kleinen Weile“ direkt an. Sie bekräftigen („wahrhaftig“) und begründen („denn“) die Aussage der Magd. Wahrscheinlich durch seinen galiläischen Dialekt (vgl. Mt 26,73; auch Apg 2,7) ist Petrus als zu dem „Galiläer“ Jesus (vgl. Mt 26,61) gehörend erkannt worden. Die Auslegung der Verfluchung (V. 71) bereitet Schwierigkeiten. Die Selbstverfluchung für den Fall des Falschschwörens (nach dem Muster „Gott soll mich strafen, wenn ich nicht die Wahrheit sage“; vgl. 2Sam 3,9) bezieht sich wohl auf die Bekräftigung der Aussage der Magd durch die Dabeistehenden.4 Mit der Selbstverfluchung, dem Schwur und der Leugnung, Jesus zu kennen, geht Petrus in die größtmögliche Distanz zu der Aussage der Dabeistehenden: „Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet.“

Mit dem zweiten Hahnenschrei sind Höhepunkt und Schluss der Verleugnungserzählung erreicht. Damit weist der Hahnenschrei zugleich auf den Anbruch des Neuen; das Alte ist vergangen, die Nacht vorüber, der Morgen (und damit der Ostermorgen) kündigt sich an.

V. 72 stellt die Verbindung zur Ansage der Verleugnung (V. 30) her. Petrus (geht hinaus [vgl. Mt 27,75; Lk 22,62]) erinnert sich an Jesu Ansage seiner dreimaligen Verleugnung (wortgleich mit V. 30) und beginnt zu weinen.

Die Frage, wozu die Geschichte im Evangelium steht, wartet noch auf Antwort. Im Blick auf den ersten Jünger Jesu illustriert sie den Gegensatz von vorösterlicher und nachösterlicher Zeit, zwischen dem alten und dem neuen Menschen. Während der alte Mensch (Petrus, der Verleugner) an seinem Anspruch auf autonome Selbstwertsicherung scheitern muss, darf sich der neue Mensch (Petrus, der Zeuge der Auferstehung) der schützenden Gegenwart Gottes gewiss sein.

Einige Anmerkungen aus psychologischer Perspektive mögen diese Deutung stützen. Petrus zeigt in der Verleugnungserzählung Mk 14,54.66-72 eine Reihe von Ausdrucksformen, die Distanz schaffen: sowohl in Form des Versuchs, eine räumliche oder zeitliche Trennung herzustellen (vgl. V. 54: er folgte von ferne; V. 68: er ging hinaus in den Vorhof), als auch dadurch, dass er das Problem nicht anerkennt (vgl. V. 68: „Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst“; V. 70f).

Der Individualpsychologe Alfred Adler hat 1932 den Versuch unternommen, Umstände zu klassifizieren, die Menschen machen, wenn sie sich ihren Problemen nicht gewachsen fühlen, trotzdem aber vor sich und den anderen den Eindruck erwecken möchten, an der Problemlösung zu arbeiten.5 Hierbei spielt die Distanz als der Versuch, eine räumliche oder zeitliche Trennung vorzunehmen, bzw. das Problem nicht anzuerkennen und dadurch eine Trennung zu erwirken, eine besondere Rolle. In der individualpsychologischen Betrachtung kann die Forderung nach einer überlegenen Fehlerlosigkeit, das bewusste Ziel, das ein Mensch verfolgt, als ein Mittel gesehen werden, mit dem er das fiktive, unbewusste Ziel, autonom über den eigenen Wert zu verfügen, sichert. Die an sich selbst gestellte Forderung kann dabei das Produkt einer in der Biografie entstandenen übersteigerten Sorge um den eigenen Wert angesichts einer erlebten Mangellage sein. Das fiktive Ziel bestimmt die Dynamik. Durch eine Strategie, die es mit Hilfe von (räumlichen, zeitlichen oder die Anerkennung des Problems betreffenden) Distanzierungen nicht zu der erwarteten Tat oder Entscheidung kommen lässt, gelingt es, den Selbstanspruch aufrecht zu erhalten und damit am Ziel festzuhalten. Die notwendige Verzögerung einer Tat oder Entscheidung wird durch die geschaffene Distanz legitimiert.

Im Blick auf Petrus lässt sich nun folgendes vermuten: Der Selbstanspruch nach einer überlegenen Fehlerlosigkeit zeigt sich im Treueversprechen des Petrus (Mk 14,29.31). Mit seiner Reaktion auf die Ansage Jesu vom allgemeinen Jüngerabfall, „Wenn auch alle Ärgernis nehmen, aber nicht ich“ (V. 29), und seiner Bestreitung der angesagten Verleugnung, „Auch wenn ich mit dir sterben müsste, würde ich dich nicht verleugnen!“ (V. 31), stellt sich Petrus über die anderen Jünger. Er werde den anderen, ja sogar gegenüber der Ansage Jesu von seiner Verleugnung überlegen sein. Die Aufrechterhaltung dieser Forderung und damit seines Ziels, autonom über seinen Wert zu verfügen, gelingt Petrus nur durch die Distanzierung. Er spürt, dass er sein Versprechen nicht halten kann, muss aber vor sich und den anderen den Eindruck erwecken, er könne es doch.




Didaktische Überlegungen

Für die meisten Schülerinnen und Schüler sind die Schuljahre am Fachgymnasium insbesondere eine Zeit der Orientierung in Richtung auf ihren Berufsweg. Der Radius ihrer räumlichen Mobilität ist größer geworden, die Selbstorganisation von Unternehmungen ist gestiegen. Schülerinnen und Schüler bewerben sich um Ausbildungsplätze, führen Bewerbungsgespräche. In ihrer Schulklasse sehen sie sich mit Erfahrungen von Sinnfindung (z.B. der erfolgreichen Bewerbung einer Schülerin), aber auch von Sinnverlust (z.B. wiederholte Absagen auf eigene Bewerbungen) konfrontiert. Deutungsanforderungen im Blick auf Gegenwart und Zukunft steigen merkbar. Die Neuorganisation des Selbstverständnisses ist eine drängende Aufgabe. Zumeist unausgesprochen stehen die Schülerinnen und Schüler vor der Frage, inwieweit ihnen eine autonome Selbstwertsicherung gelingen kann – oder ob sich ihnen entlastende Perspektiven eröffnen. Der Religionsunterricht kann, wenn er die Schülerinnen und Schüler als teilnehmende Subjekte am ganzen Prozess der Wechselwirkungen ihres Lebens wahrnimmt, Gottes schützende Gegenwart als glaubwürdige und relevante Perspektive zeigen. Zwei Begegnungen bietet die Unterrichtsstunde an:

Die biblische Erzählung von der Verleugnung des Petrus (Mk 14,54.66-72) bringt in Sprache, was Schülerinnen und Schüler – wieder oftmals unausgesprochen – fürchten und immer wieder erleben: das Scheitern am Anspruch auf autonome Selbstwertsicherung.

Ein ästhetischer Zugang über die Lithografie „Der Verrat des Petrus“ von Hans Fronius entlastet die Schülerinnen und Schüler vom Druck, die Grundspannung, der sie ausgesetzt sind, allzu schnell formulieren zu müssen: zwischen dem Anspruch auf autonome Selbstwertsicherung (Erwachsensein) und der Sehnsucht nach einem (freilich sich vom kindlichen Glauben deutlich abhebenden) Grund, auf dem ihr Wert gesichert ist, auf dem sie anstehende Aufgaben ermutigt angehen können und auch scheitern dürfen.

Damit lassen sich für eine Unterrichtsstunde „Petrus begegnen“ folgende Ziele formulieren: Die Schülerinnen und Schüler sollen

  • Petrus in der Verleugnungserzählung Mk 14,54.66-72 kennen lernen und sein Erleben und Verhalten im Standbild nachempfinden,
  • das Verhalten der in der Geschichte agierenden Personen wahrnehmen,
  • das Ziel des Petrus, seinen Selbstwert autonom zu sichern, erkennen und schließlich,
  •  sein Ziel mit Hilfe der Lithografie „Der Verrat des Petrus“ von Hans Fronius in die schützende Gegenwart Gottes stellen und von der Gegenwart Gottes her neu deuten.




Die Unterrichtsbausteine

Die vorige Stunde: Deutungsanforderungen reflektieren
Die Deutungsanforderungen im Blick auf ihre Gegenwart und Zukunft wahrzunehmen und zu reflektieren, gelingt Schülerinnen und Schülern gut in der Auseinandersetzung mit Ausdrucksformen ihrer Lebenswelt. So kann der kürzlich veröffentlichte Song „Junge“ der Gruppe „Die Ärzte“ (vom Album „Jazz ist anders“, 2007 Hot Action Records) für Schülerinnen und Schüler zum Umschlagplatz der Erkenntnis werden. Indem sie auf großen Plakaten Portraits des im Song angesprochenen „Jungen“ und des sprechenden Vaters anfertigen, setzen sie sich mit der Frage, was den Selbstwert der im Song agierenden Personen ausmacht, und entsprechend, was ihren eigenen Selbstwert sichert, auseinander.

Die Unterrichtsstunde „Petrus begegnen“ soll nun den Schülerinnen und Schülern eine Erweiterung ihrer Deutungsmöglichkeiten anbieten, also ihre Deutungskompetenz stärken.


Eine erste Begegnung: die Erzählung von der Verleugnung des Petrus hören und inszenieren
Die Schülerinnen und Schüler bilden Kleingruppen (zu jeweils fünf bis sechs Personen). Jede Kleingruppe erhält ein Textblatt mit der Bibelgeschichte, jeder Schüler/jede Schülerin ein Aufgabenblatt folgenden Inhalts:

1. Die Geschichte hören

  • Bitten Sie jemanden in Ihrer Gruppe, die Geschichte von der Verleugnung des Petrus (Mk 14,54.66-72) laut vorzulesen.
  • Wiederholen Sie in Ihrer Gruppe unkommentiert nacheinander die Worte, die Sie besonders im Ohr haben und die nachklingen.
  • Erzählen Sie einander die Bilder, die Sie beim Hören der Geschichte vor sich gesehen h haben.


2. Die Geschichte inszenieren

  • Nehmen Sie die „inneren Bilder“ Ihrer Gruppe auf, um die Geschichte pantomimisch darzustellen.
  • Wie gestaltet sich das Verhalten des Petrus? Überlegen Sie dabei: Wozu verhält sich Petrus so wie im Text beschrieben?
  • Probieren Sie eine entsprechende Körperhaltung, Gestik und Mimik aus.
  • Stellen Sie die für Sie entscheidenden Wendungen der Geschichte dar. Begründen Sie Ihre Ideen!
     

Nachdem eine Gruppe ihre Spielszenen präsentiert hat, wird sie gebeten, zunächst nicht in das Gespräch der Schulklasse einzugreifen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sol­len in drei Gesprächsgängen auf folgende Fragen antworten:

  • Was habe ich gesehen?
  • Was habe ich empfunden?
  • Welche Wendungen der Geschichte wollte die Gruppe darstellen?


Im Anschluss wird die Gruppe gefragt, ob die Wahrneh­mungen der Zuschauerinnen und Zuschauer mit ihrer Ab­sicht, die Szenen zu gestalten, übereinstimmen.

Im Gruppenprozess gelingt den Schülerinnen und Schülern eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Verleugnungserzählung. Durch leibliches Probieren, wie Petrus, die Magd und die Dabeistehenden sich verhalten, können sie die Bedrohung, der sich Petrus gegenüber sieht, nachspüren. Die Körperhaltung, Gestik und Mimik, die für Petrus gefunden wird, zeigt, wie er verstärkt sich zu distanzieren versucht. Es darf nicht zu der erwarteten Tat oder Entscheidung (Bekenntnis oder Verleugnung) kommen. Die letzte Szene, die von den Kleingruppen zumeist dargestellt wird, ist der Zusammenbruch des Verleugners.

Nach den Präsentationen wird die Erzählung (alle Schülerinnen und Schüler erhalten nun ein Textblatt) gemeinsam gelesen und besprochen. Hier sollte zu V. 72 nun auch das Treueversprechen Mk 14,29.31 bearbeitet werden. Das Unterrichtsgespräch mündet in die Frage, wozu sich Petrus wie im Text beschrieben und in den Pantomimen gezeigt, verhält. Was ist sein Ziel? Sobald das Ziel des Petrus erkannt ist, ist der Weg frei, Zielkorrekturen zu prüfen, anders: der Geschichte einen anderen Ausgang zu geben. Wie würden sich die Personen verhalten, wüssten sie sich von Gottes schützender Gegenwart umfangen? Hier kann der ästhetische Zugang hilfreich, weil entlastend wirken. Defizite, religiöse Inhalte in Sprache zu bringen, können durch und über die bildnerische Gestaltung ausgeglichen werden.


Eine zweite Begegnung: Die Lithografie „Der Verrat des Petrus“ von Hans Fronius betrachten und verändern
Der österreichische Künstler Hans Fronius (1903 in Sarajewo geboren, 1988 in Mödling gestorben) zeichnet auf seiner recht kleinen Lithografie von 1977 mit groben Strichen das Bild von der aufrecht stehenden Magd, die ihren linken Arm bedrohlich auf Petrus richtet und vom in sich zusammengesunkenen Jünger. Aufgrund des Bildhintergrundes muss vermutet werden, dass Fronius die Schlussszene der Erzählung darzustellen beabsichtigte – obgleich die Dabeistehenden fehlen.

Indem die Schülerinnen und Schüler das Bild beschreiben, entdecken sie die Körperhaltung, Gestik und Mimik des Petrus und der Magd wieder, die sie auch für ihre Darstellungen gewählt hatten.

Weiter erkennen sie das bildnerische Spiel mit Licht und Schatten. Über Petrus die Nacht, der Hahn weist auf die aufgehende Sonne über der Magd. Noch trennen die Magd und Petrus eine scheinbar unüberwindliche Wand vom Anbruch des neuen Tages, noch sind sie gefangen im Alten.

Anschließend wählen die Schülerinnen und Schüler aus drei Arbeitsblättern jeweils eines aus, das sie selbständig um die fehlende Figur oder den fehlenden Hintergrund ergänzen sollen. M 1 zeigt die Lithografie ohne die Petrusfigur, auf M 2 fehlt die Magd, auf M 3 soll der Hintergrund, vor dem Petrus und die Magd stehen, neu gestaltet werden. Die Aufgabe lautet: Ergänzen Sie das Bild so, dass die Geschichte anders ausgeht. Wie könnte Gottes schützende Gegenwart in Bild und Geschichte deutlich werden? Wie könnte sie das Verhalten der beiden Personen verändern?

Ergebnisse von Schülerinnen und Schülern zeigen, dass Gott durch Jesus Petrus schützend berührt, weiter, dass die Magd und Petrus ihr Verhalten in Richtung einer Kooperation verändern. Ohne Angst um den eigenen Wert haben zu müssen, kann Petrus auf die Magd zugehen, ihr offen begegnen. Die Magd ist ihrerseits befreit, die Strategie des Jüngers entlarven zu müssen, und kann nun ihre bedrohliche Geste in eine einladende wandeln.

Die bearbeiteten Bilder werden vorgestellt und im Klassenraum gesichert. Sie bilden den Hintergrund, vor der in der Folgestunde die Ostererfahrung des Petrus thematisiert wird.


Die Folgestunde: Die Ostererfahrung des Petrus als Deutungsangebot
Das Markusevangelium kündigt die Ostererfahrung des Petrus an (16,7). Der Auferstandene werde vor den Jüngern und Petrus hingehen nach Galiläa; dort werden sie ihn sehen, wie er ihnen gesagt hat (vgl. 14,28). Die Erfahrung des Christus (1Kor 15,3; Lk 24,34) erwirkte bei dem ersten Jünger Jesu eine Zielkorrektur. Die Fiktion autonomer Verfügung über seinen Wert war mit der Verleugnung zusammengefallen, die Strategie der Distanzierung war obsolet geworden. Petrus initiierte die urchristliche Verkündigung und leitete eine Zeit lang die urchristliche Kirche. Er wurde in der nachösterlichen Zeit der „Mann von Festigkeit“, der „Felsenmann“. Besonders anschaulich wird der Wandel des Petrus in der Geschichte von seinem Fischzug im See Tiberias (Joh 21,1-14), deren Bearbeitung für die Folgestunde empfohlen sei.

Hans Fronius, Der Verrat des Petrus, 1977, Lithografie
39 x 53 cm. © Christin Fronius


M 1



M 2



M 3 


Anmerkungen

  1. Vgl. zum Folgenden auch Günther, Matthias: Menschen – Psychologische Impulse aus der Bibel, Göttingen 2008, S. 70-92. 2 Mk 1,16-20; 1,29-31; 1,35-39; 3,13-19; 5,35-43; 8,27-30; 8,31-33; 9,2-8; 10,28-31; 11,20-25; 13,3-37; 14,26-31; 14,32-42; 14,54.66-72; 16,1-8. 3 Pesch, Rudolf: Das Markusevangelium. II. Teil. Kommentar zu Kap. 8,27-16,20, Freiburg/Basel/Wien 1977, S. 449. 4 A.a.O., 450. 5 Adler, Alfred: Die Systematik der Individualpsychologie, in: I. Z. Individualpsych. 10, 1932, S. 241-244, Nachdruck in: Psychotherapie und Erziehung. Ausgewählte Aufsätze II: 1930-1932, Frankfurt/M. 1982, S. 248-252.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2009

PDF

Dr. Matthias Günther ist Schulpastor an der BBS Alfeld und außerplanmäßiger Professor für evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Leibniz Universität Hannover.