"Für unsere Sünden gestorben?"
Christologische Zugänge von Jugendlichen1

von Friedhelm Kraft

 

Zeit für "notwendige Abschiede"? – Biblisch-theologische Überlegungen

In seinem Buch "Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum" sieht der emeritierte Berliner Professor für Praktische Theologie Klaus Peter Jörns die Zeit für "notwendige Abschiede" gekommen. Zu den Vorstellungen, von denen sich Theologie und Kirche verabschieden sollten, gehört seiner Meinung nach auch die Rede vom stellvertretenden Sühnetod Jesu Christi. So schreibt Jörns: "Die christliche Sühneopfertheologie ist im Blick auf den geschichtlichen Wandel der Opfer- und Gottesvorstellungen anachronistisch." Und andererseits: "Die zentrale Botschaft Jesu von der unbedingten Liebe Gottes widerspricht einer Deutung seines Todes als Sühneopfer."2

Und auch säkulare Zeitgenossen stehen dem nicht nach. So fragt der Philosoph Herbert Schnädelbach in einem Aufsatz in der ZEIT: "Warum kann der christliche Gott nicht vergeben ohne Opferlamm?", "Warum hängt ein sterbender Gehenkter in allen Kirchen und bayrischen Schulstuben und nicht ein Auferstandener?". Die "Rechtfertigung" sei im Christentum zum "blutigen Rechtshandel" verkommen. Die Grausamkeit der Hinrichtung Christi habe Schule gemacht in den "Grausamkeiten im Namen Christi" der Kirche und der Inquisition.3

Die Kritik an der Sühneopfervorstellung ist weit verbreitet, nicht nur in der Kirche, sondern ebenso im öffentlichen Raum. Zielt sie auf ein Gottesbild, das zu seiner Verherrlichung auf Satisfaktion im Sinne eines Opfers angewiesen ist, wer könnte da widersprechen. Die Frage bleibt aber, ob tatsächlich eine archaische Sühnevorstellung das biblische Gottesbild prägt. Anders gefragt: in welcher Weise nimmt das Neue Testament die anstößige Sühnevorstellung auf?



"Er ist tot!" – "Er lebt!

Das christliche Bekenntnis hat sein Spezifikum im Bezug auf Jesus Christus und auf die Geschichte der Menschen mit Christus. Daher steht im Mittelpunkt theologischen Denkens die Christologie. So sagt der Theologe Ingolf Dalferth zu Recht:

"Christologie ist kein Teil der Theologie: Sie ist alles, was Theologie zu bieten hat, man muss es nur entfalten."4
Die Christologie bringt zum Ausdruck, warum der christliche Glaube Sinn macht. Er ist keine metaphysische Spekulation, sondern Niederschlag des Ringens um Erlösung.5

In diesem Sinne wird das Christentum als Erlösungsreligion bezeichnet  und Christus als der "Erlöser" (Retter, Heiland). "Jesus der Christus" ist ein von den Christen der frühen Gemeinde bis heute formulierter Bekenntnissatz, der von einem geschichtlichen Menschen aussagt, dass in ihm letztgültig Gottes Handeln Wirklichkeit wurde. Das Nachdenken über das geschichtliche Wirken und das Heilswerk Jesu Christi löst die Frage aus: "Wer ist der, von dem all dies gesagt wird?" (Mk 4,41). Diese Frage durchzieht nicht nur das Evangelium von Markus. Sie findet Anlass in Jesu Reden, Handeln und seinem Geschick. Dazu gehört neben dem qualvollen Ende am Kreuz ebenso die Ostererfahrung der Jünger und Frauen, die die Erscheinung des Gekreuzigten bezeugen. Das Zeugnis dieser ist durch die "fundamentale Spannung" zweier Sachverhalte geprägt: "Er ist tot" – "Er lebt" (Ingolf Dalferth).

Die Herausforderung für das frühe Christentum bestand darin, den Tod Jesu als ein Ereignis verständlich zu machen. Es galt diesen Tod so zu begreifen, dass das Bekenntnis zu ihm nicht in Frage gestellt wurde – Christus ist der Herr (Kyrios) –, sondern die Deutung des Todes vielmehr selbst einen wichtigen Teil des Bekenntnisses darstellte.6

Voraussetzung ist bei allen urchristlichen Texten die Überzeugung, dass Gott durch sein Eingreifen Jesus von den Toten auferweckt hat und daher auch sein Tod eine positive Bedeutung haben kann.

Daher gilt: "Bei Deutungen des Todes Jesu handelt es sich also um Sinngebungen eines Geschehens, die das Handeln Gottes in Jesus Christus, einschließlich seiner Auferweckung, immer schon voraussetzen."7

Bereits Paulus wusste sehr genau, dass die Verehrung eines Gekreuzigten "für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit" (1.Kor 1,23) darstellen musste. Aber wir kennen auch seine Antwort: bei Gott verkehren sich die Maßstäbe der Welt, ebenso Weisheit und Torheit.

Für Paulus sind nicht die geltenden Normen des Wirklichkeitsverständnisses maßgeblich, sondern es geht ihm um die Frage, wie die Vorstellung einer Heilswirkung des Todes Jesu zum Ausdruck gebracht werden kann. 

Die neutestamentlichen Autoren haben das "Ärgernis" des "gekreuzigten Gottes" nicht beseitigt, sie haben die darin liegende Spannung so verarbeitet, dass sie den Tod Jesu auf verschiedene Weise interpretiert und auf Analogien aus dem kulturellen Bestand ihrer Zeit zurückgegriffen haben. Der Tod Jesu wird in zahlreichen Texten als heilvolles Geschehen gedeutet, das der Erlösung dient und ein neues Verhältnis zwischen Gott und den Menschen ermöglicht.



Christus "für uns" gestorben?

Das soteriologische Deutungsmodell "Christus ist für uns gestorben" – oder wie Paulus sagt "Christus ist für unsere Sünden gestorben" (1.Kor 15,3) – stößt wie bereits erwähnt nicht nur bei säkularen Zeitgenossen wie Philosophen auf Kritik und Ablehnung, sondern auch in der Schule.

"Kann man sich Gott wirklich als ein blutrünstiges Ungeheuer vorstellen, das durch das Blut seines eigenen Sohnes besänftigt werden muss?" so fragte eine Schülerin im Religionsunterricht provozierend ihre Lehrerin.8

Die Frage legt den Finger in eine offene Wunde:
Die Heilsbedeutung des Todes Jesu gehört zum Kernbereich des christlichen Glaubens, eine unterrichtliche Beschäftigung mit dem Thema ist unausweichlich. Dem stehen Erfahrungen gegenüber, die belegen, dass die theologischen Deutungen des Todes Jesu bei heutigen Kindern und Jugendlichen vielfach Unverständnis, Widerspruch und Spott auslösen.

Helmut Hanisch und Siegfried Hoppe-Graf kommen in ihrer empirischen Untersuchung zu "Jesus Christus im Religions- und Ethikunterricht" zu dem Ergebnis: "Aufgrund dieser Ergebnisse können wir schlussfolgern, dass für den überwiegenden Teil der Jugendlichen der Tod Jesu bedeutungslos ist bzw. sie nichts damit anfangen können."9

Der Blick in Rahmenpläne zeigt zudem, dass selbst wenn das Thema "Tod und Sterben" behandelt wird, dabei der Tod Jesu außer Acht gelassen wird.

Mirjam Zimmermann kommt im Blick auf Schulbücher zu dem Ergebnis:

"Die Rede von der Heilsbedeutung des Kreuzes spielt insgesamt eine untergeordnete bis marginale Rolle. (…) Die mit der soteriologischen Deutung des Kreuzes verbundenen Fragen nach Sünde und Befreiung/Erlösung werden kaum thematisiert. (…) Lediglich die Vorbildfunktion des Kreuzes im Blick auf gegenwärtige Leidbewältigung wurde immer wieder benannt."10

Dennoch muss in theologischer Perspektive gesagt werden: Mit der Rede von dem stellvertretenden Opfertod Jesu lässt sich nur eine Deutung des Todes Jesu zusammenfassen. Diese hat allerdings sichtbare Spuren in der Liturgie, insbesondere in der Abendmahlsliturgie und in der Frömmigkeit hinterlassen hat und prägt daher das alltagstheologische Denken vieler Menschen. So heißt es in dem bekannten Choral von Christoph Fischer (vor 1568) für den Karfreitag:

"Wir danken dir, Herr Jesu Christ,
dass du für uns gestorben bist
und hast uns durch dein teures Blut
gemacht vor Gott gerecht und gut"
(1. Strophe)

Sünde – (Sühne)opfer – Erlösung bilden die "heilige Trias" protestantischer Frömmigkeit bis heute.

Insbesondere wer in der Tradition evangelikaler Frömmigkeit aufgewachsen ist, ist mit dieser Vorstellung mit all ihrer Ambivalenz konfrontiert worden: "Jesus ist für dich am Kreuz gestorben, sein Blut ist für dich vergossen!"  Kennzeichen dieser Frömmigkeitstradition ist eine radikale Individualisierung des Heilsgeschehens, die einhergeht mit einer tiefgründigen Moralisierung.

Übersehen wird in dieser Frömmigkeitstradition, dass es hier um Deutungen von Menschen geht, die vom Christusereignis berührt sind und Auskunft geben. Zugleich wird in den Kategorien nur einer Deutungslinie gedacht, die als verbindliches biblisches Zeugnis postuliert wird. Dass diese Begriffe keine biblischen Begriffe sind, sondern "Abstraktionen, die einen komplexen traditionsgeschichtlichen, semantischen und argumentativen Befund deuten"11 – so Jens Schröter –, wird ebenso nicht beachtet.

Es kann nicht bestritten werden, dass im Neuen Testament die Vorstellungswelt des Opfers in vielfältiger Weise als Modell der Formulierung der Heilsbedeutung des Todes Jesu verwendet wird.

Aber übersehen wird dabei, dass in Auseinandersetzung mit den Opfervorstellungen der damaligen Zeit eine "Entsakralisierung" des Opfergedankens stattfindet. Die antike Vorstellung vom Opfer wird buchstäblich auf den Kopf gestellt: Nicht der Mensch opfert einer fernen Gottheit, sondern Gott opfert sich selbst, er wird Mensch. Der Mensch wird Empfänger der Opfergabe, nicht eine zu beschwichtigende Gottheit. 

Gleichzeitig gilt, dass die neutestamentlichen Schriften in unterschiedlicher Weise "Leitmodelle" entfalten, um die Bedeutung des Todes Jesu zu artikulieren. Ingolf U. Dahlferth unterscheidet kategorial vier Modelle, die durch die Verwendung eines spezifischen Bildmaterials gekennzeichnet sind: das politische Modell des Machtkampfes (Gefangenschaft, Lösegeld, Sieg u.a.), das kultische Modell (Opfer, Leiden Selbsthingabe u. a.), das juristische Modell (Vertrag, Bund, Wiedergutmachung u.a.) und das personale Modell (Gemeinschaft, Freundschaft, Freiheit u. a.).12

Da keines dieser Modelle von der Kirche als definitive Heilsdeutung bzw. als Heilsdogma festgeschrieben worden sind, kann von einer Heilsnotwendigkeit eines Glaubens an den Opfertod Jesu Christi nicht gesprochen werden.

Die Frage bleibt aber: Welche Einsichten vermag die Vorstellung vom Opfertod Jesu zu erschließen? Im Anschluss an Werner H. Ritter lassen sich folgende "Einsichten" formulieren:13

  • sie zeigt das Befremdliche und Entsetzliche dieses Todes;
  • sie erinnert, dass man etwas oder sich selbst "aus Liebe" hingeben und opfern kann und ein Opfer zum Lebensgewinn werden kann;
  • sie erschließt ein neues Gottesbild: Gott hat sich im Tode seines Sohnes selbst zum Opfer gemacht, Empfänger der Opfergabe ist der Mensch, nicht eine rachsüchtige Gottheit;14
  • die Opfervorstellung bewahrt vor einem geschönten, harmonisierenden Gottesbild;
  • die Fremdheit der Opfervorstellung kann neue Sichtweisen eröffnen, gerade das Sperrige und Fremde provoziert neue Deutungen.


 "Das Wort vom Kreuz" ist eine "abgründige Wahrheit" (Horst Georg Pöhlmann). Es bleibt bis heute ein "Skandalon", eine "Torheit". Die Maßstäbe menschlicher Vernunft werden buchstäblich auf den Kopf gestellt. "Veränderungen" sind das große Thema. Um noch einmal in den Worten von Dahlferth zu sprechen:
"Das Kreuz hat Gott verändert, und zwar so, dass dieser dort sein Wesen unwiderruflich als Liebe bestimmte, die unsere freie Gegenliebe sucht; und das wiederum hat unser Leben so verändert, dass dieses unwiderruflich zur Freiheit, der Freiheit der Gottes- und Nächstenliebe, bestimmt wurde. Das Bekenntnis der Auferweckung Jesu spricht insofern von einem Akt unwiderruflicher göttlicher Selbstbestimmung und irreversibler menschlicher Zielbestimmung."15



Die Hinwendung zu einer lebensweltlichen "Alltagsdogmatik"

Im Blick auf die Verflüchtigung von traditionellen Glaubensvorstellungen – Gotteslehre, Trinität, Christologie – zugunsten von "alltagsweltlich plausiblen Glaubensanschauungen" scheint die Rede vom spätmodernen Christentum als einer "undogmatischen Religion" evident zu sein. Empirische Bestandsaufnahmen scheinen die Unvereinbarkeit von dogmatischer Reflexion und gelebter Religion zu belegen.

So formuliert Wolfgang Steck: "Betrachtet man die gegenwärtig populären Glaubensvorstellungen im Spiegel der kirchlich-theologischen Lehrtradition, dann stellt sich die Veralltäglichung des Glaubenswissens als eine von Säkularisierungs- und Pluralisierungstendenzen geprägter Erosionsprozess dar."16

Kritisch ist zu fragen, ob der oftmals mit einer "Verfallsperspektive" formulierte Verdacht einer "vollständigen Entdogmatisierung des Christentums" nicht einer genaueren Wahrnehmung der tatsächlichen Veränderungsprozesse gerade entgegensteht, da hier der Fokus die traditionelle Glaubenslehre bildet. Nach Wolfgang Steck hat der unabweisbare "Gestaltwandel der Christentumskultur" gerade nicht zu einem generellen Bedeutungsverlust religiösen Wissens geführt, vielmehr ist eine Herausbildung "vielfältiger Gestalten dogmatischen Alltagswissens" zu beobachten.17 

Damit steht auch die praktische Theologie vor der Herausforderung, akademische Theologie und lebensweltlich verankerte Alltagstheologien, theologisch-wissenschaftliche und "laien"-theologische Konstruktionen aufeinander zu beziehen. Martin Rothgangel hat für diesen Ansatz den Begriff einer "religionspädagogischen Theologie" gewählt, die sich als "Anwalt des Subjekts" der Alltagswelt verpflichtet fühlt und damit dem vielfach beklagten Wirklichkeitsverlust der Theologie entgegensteht.18

Die in jüngster Zeit vielfach beachtete Kindertheologie leistet in diesem Sinne einen Beitrag zu einer "religionspädagogischen Theologie", da die "Theologien der Kinder" in einer lebensweltlich gewendeten Theologie ihren unersetzbaren Platz haben.

Nach diesem Anlauf ist nun die weitere Fragestellung vorgegeben: Was wissen wir über die theologischen Zugänge Jugendlicher zu Passion und Sterben Jesu? 



Christologische Zugänge von Jugendlichen

Die Kindertheologie hat sich in den letzten Jahren bemüht, die Denkweisen der Kinder unter theologischen Fragestellungen wahrzunehmen und zu analysieren. Im Zeichen eines "Perspektivenwechsel"" ist ein wachsendes Interesse an den "Theologien der Kinder" zu verzeichnen.

Während es Untersuchungen zum Thema "Christologie", zum Thema "Tod" und zur Frage des Umganges mit der "Theodizee" gibt, fehlt eine systematische Erhebung zu einer "Kindertheologie zum Tod Jesu". Es liegt aber eine erste Studie zur Gethsemane-Perikope aus der Sicht von Kindern vor. Mirjam Zimmer fasst das Ergebnis ihrer Untersuchung wie folgt zusammen:
"Während historische Überlegungen kein eigenes Interesse hervorrufen, lassen sich m. E. drei grundlegende Denkweisen wahrnehmen, mit denen die Kinder dem Tod Jesu einen soteriologischen Sinn verleihen: Erstens sehen sie – vielleicht geprägt durch kirchliche Tradition und Sprache – das Sterben Jesu als stellvertretendes Handeln, mit dem Sünden weggenommen werden. Zweitens wird die Unausweichlichkeit des Todes betont, weil dieses Schicksal dem Heilswillen Gottes entspricht. Zum Dritten hat der Tod Jesu eine tröstende Funktion, weil er zeigt, dass durch die Auferstehung ‚der Tod nichts Schlimmes ist‘".19

Die Kindertheologie kann überzeugend aufzeigen, dass Kinder eines bestimmten Alters und der damit gegebenen kognitiven Entwicklung auf der Basis eines bestimmten Wissens in der Lage sind, ein "eigenständiges Konzept" (Gerhard Büttner) von Jesus Christus zu entwickeln, das sich signifikant von denen jüngerer bzw. älterer Kinder unterscheidet.20

Schwieriger stellt sich die Sachlage im Blick auf Jugendliche. Jugendliche stehen grundsätzlich vor der Herausforderung einen neuen Zugang zu der in der Kindheit entwickelten Christologie zu finden. Insofern können Infragestellungen von Glaubensvorstellungen,  so auch die von der Gottessohnschaft Jesu, als Schritte eines notwendigen Abschiedes vom Kinderglauben begriffen werden. Auch Gerhard Büttner kommt mit Verweis auf die "Theorie des religiösen Urteils" nach Oser/Gmünder zu dem Ergebnis, dass auf der Stufe 3, der so genannten Deismus-Stufe, angesichts der Trennung von Immanenz und Transzendenz es nicht leicht ist "eine Christologie zu finden, die nicht reduktionistisch eine der zwei Naturen hervorhebt".21

Festzuhalten ist also: "Der religiöse Bedeutungsverlust Jesu von der Kindheit zum Jugendalter kann also zu einem guten Teil auch entwicklungsbedingte und insbesondere auch kognitive Gründe haben."22

Mit der kürzlich erschienenen Dissertation von Tobias Ziegler liegt eine empirische Untersuchung vor, die nach den Christologien von Jugendlichen fragt. Ziegler hat 386 Aufsätze von Jugendlichen der 11. Jahrgangsstufe aus 25 Religionsgymnasialklassen in Baden-Württemberg analysiert und beschreibt auf dieser Grundlage "elementare Zugänge Jugendlicher zur Christologie".

Ziegler unterscheidet fünf Grundhaltungen der Jugendlichen, die "ein überraschend heterogenes Bild"" zum Thema "Jesus Christus" bieten:23

  • 15,3 Prozent kritiklos-indifferent (19 Prozent männlich/ zwölf Prozent weiblich),
  • 24,4 Prozent kritisch-ablehnend (bei Jungen etwas häufiger als bei Mädchen),
  • 16,8 Prozent zweifelnd-unsicher (viele Fragen ohne Antwort),
  • 19,9 Prozent kritisch-aufgeschlossen (Anteil der Mädchen etwas höher),
  • 23,6 Prozent kritiklos-zustimmend.


Ingesamt bekunden 60 Prozent der Befragten in gewissem Maße ein Einverständnis mit dem über Jesus Gesagtem. Von dieser Gruppe enthalten 60 Prozent der Aussagen der Befragten ein ausdrückliches Bekenntnis zu einem Glauben an Jesus bzw. eine eindeutige soteriologische Aussage (absolut 37 Prozent der Befragten). 15 Prozent der Befragten (absolut neun Prozent) enthalten zwar ein Bekenntnis, konkretisieren aber die Bedeutung von Jesus nicht. Die übrigen 25 Prozent (absolut 15 Prozent) lassen sich als "nicht-religiös" klassifizieren, da die Bedeutung von Jesu respektiert, aber eine religiöse Haltung verneint wird.24

Auch diese Ergebnisse zeigen, dass die Rede vom Christentum als Fremdreligion der Differenzierung bedarf.

Im Folgenden möchte ich drei Textbeispiele aus der Arbeit von Ziegler dokumentieren, die zeigen, in welcher Weise Jugendliche ihren Zugang zu Jesus Christus formulieren. Bedeutsam ist, dass obwohl die Jugendlichen aus einer gemeinsamen Jahrgangsstufe kommen, ihre Zugänge und Argumentationsebenen sich dennoch erheblich unterscheiden.

  1. "Jesus ist Gottes Sohn, er war der einzige Mensch, der ohne Sünde gelebt hat. Gott ist durch ihn Mensch geworden, um uns Menschen zu retten. Durch unsere Sünde waren wir getrennt von Gott. Doch Gott wollte uns vergeben, das ging aber nur durch den Tod seines Sohnes. Weil er uns Menschen so liebt, hat er Jesus gesagt, dass er für uns sterben muss, dass wir wieder in den Himmel kommen können."
  2.  "Ich denke, Menschen glauben an Jesus, weil er ein Phänomen war. Er schaffte es, den Glauben Gottes zu verbreiten. Er schaffte dies ohne aufdringlich zu sein oder mit Gewalt (wie zum Beispiel bei den Kreuzzügen). Er kämpfte dafür und nahm sogar seinen Tod dafür in Kauf. Ebenso glauben die Menschen an ihn, weil er Gottes Sohn war. – Was haben Leben und Tod Jesu mit dem Glauben an Gott zu tun? – Alles, was er in seinem Leben gemacht hat, wird durch seinen Tod bekräftigt. Er starb für das, was er machte."
  3. "Jesus war der Sohn Gottes. Er ist für uns am Kreuz gestorben, um unsere Schulden zu beseitigen. Mit dem Sterbenlassen seines eigenen Sohnes zeigt Gott, wie viel wir ihm wert sind und wozu er für uns alles bereit ist. Man könnte sagen, der Tod Jesu steht symbolisch für die Aufopferung, das Vertrauen und die Zuversicht Gottes in uns Menschen und vor allem die Vergebung. Was natürlich ein wichtiger Faktor für die Beziehung zwischen uns Menschen und Gott."


Ziegler kommentiert diese Aussagen im Kontext der Stufentheorie des religiösen Urteils nach Oser und Gmünder:
"In der Perspektive der Theorie des religiösen Urteils kann man bei a. das Vorherrschen einer Do-ut-des-Struktur erkennen, da Gottes unmittelbares Eingreifen im Rahmen eines "Tauschhandels" erfolgt, dessen Preis der Tod des Sohnes ist. Bei b. lässt sich unschwer die deistische Struktur der Stufe 3 erkennen, da Jesu Hingabe in den Tod hier als dessen autonome Tat erscheint, die nicht einem göttlichen Heilsplan, sondern der immanenten Logik seines Handelns folgt. c. könnte man als Beleg für einen Übergang zur Stufe 4 sehen, da Gott sich hier eines aktiven Handelns enthält. Dem Tod Jesu wird eine als symbolisch qualifizierte Bedeutung zugeschrieben, deren Folgen primär die subjektive Gottesbeziehung betreffen."25

Im Blick auf die Auferstehung Jesu ergeben die Aufsätze folgendes Bild:
Jesu Auferstehung wird nur von 40 Prozent der Befragten erwähnt. Während ein Drittel davon Zweifel an ihrer Wahrheit bekundet, sieht ein anderes Drittel in ihr ausdrücklich ein Beweis für ein Leben nach dem Tod oder für die Existenz Gottes.

Insgesamt scheint die Aneignung der Auferstehungsaussagen für die meisten Jugendlichen problematisch zu sein: "Oft hat man den Eindruck, dass die Auferstehung als Ende einer längeren Kette ‚übernatürlicher’ Vorgänge im Leben Jesu aufgefasst wird. Nur wenige sehen in ihr offensichtlich den für den Glauben an Jesus Christus entscheidenden, durch Gott gewirkten Akt, welcher die Einheit Gottes mit Jesus und dessen Gottessohnschaft erst definitiv bestätigt."26



Religionspädagogische Herausforderungen

Auch wenn theologische Deutungskategorien wie "Erlösung", "Sühn"" und "Opfe"" bei Jugendlichen vielfach auf Unverständnis stoßen, kann nicht gesagt werden, dass die Motive von Opfer und Erlösung in ihrer Lebenswelt bedeutungslos sind. Das Gegenteil ist richtig: in Filmen und in der Fantasy-Literatur sind Opfer- und Erlösungsszenarien nicht wegzudenken. So schreibt eine(r) der Befragten: "Wenn ich wirklich jemanden erklären müsste, wer Jesus war, würde ich sagen: Jesus war die Mutter von Harry Potter – Lilly. Sie gab sich für ihn in den Tod, damit er weiterleben konnte. Harry Potter stellt hierbei die Menschheit dar, und der Todesfluch die Sünden, die Jesus für uns abgefangen hat."27

Trotz dieses eindrucksvollen Beispiels muss dennoch bezweifelt werden, ob sich von den religiösen Adaptionen in der zeitgenössischen Popularkultur Zugänge zu christologischen Fragestellungen eröffnen lassen. Wichtiger als korrelative Überlegungen zu Möglichkeiten der Anknüpfung von Lebenswelt und theologischer Tradition scheint mir zu sein, dass in unterrichtlichen Gestaltungen die Erfahrungen der Jugendlichen einbezogen werden, die diese von sich aus mit dem Glauben an Jesus Christus in Verbindung bringen.

Die Analysen von Ziegler bringen eine erstaunliche Vielfalt an Schwerpunktsetzungen und Fragestellungen der Jugendlichen zu Tage. Die Pluralität und Bandbreite der Äußerungen verweisen auf den "großen Einfluss" individueller lebensgeschichtlicher Bezüge.

Im Anschluss an Ziegler sollen die religionspädagogischen Herausforderungen, gegliedert  mit Hilfe der Kategorien des Elementarisierungsansatzes, benannt werden:28

Elementare Strukturen:

  • Erschließung des Lebens und Wirkens Jesu unter Berücksichtigung der durch die Osterereignisse geprägten Wahrnehmungsperspektive;
  • Ermutigung zu eigenständigen Formulierungs- und Deutungsversuchen, die eine Aneignung der Aussagen zum Gottesverhältnis, Kreuz (Heil) und Auferstehung ermöglichen unter Einbeziehung der Vielfalt der christologischen Prädikate und Modelle des NT;
  • christologische Begründungen "von oben" sind aufgrund der Fraglichkeit der Vorstellungen der Kindheit durch die Perspektive "von unten" komplementär zu ergänzen, so dass vom historischen Jesus her blickend erst die Auferweckung des Gekreuzigten den Erkenntnisgrund der Gottessohnschaft liefert.

Elementare Erfahrungen:

  • Wahrnehmung der Vielfalt der individuellen Erfahrungsbezüge;
  • Förderung der Fähigkeit zu symbolisch-übertragenen Deutungen;
  • Thematisierung der in der eigenen Subjektivität verankerten Heilserfahrungen der Beziehung zu Jesus als Gegenwärtigem.

Elementare Wahrheitsfragen:

  • Gelegenheiten zu offenen Äußerungen über christologische Wahrheitsfragen schaffen;
  • der Streit um Wahrheit ist unter den Jugendlichen auszutragen;
  • Überwindung einer "Entweder-oder-Denkens" durch Förderung der Fähigkeit zu komplementären Denken.


Elementare Zugänge:

  • Erschließung eines Verständnisses des Menschen Jesus sowie des Glaubens an ihn, bei Stärkung der menschlichen Autonomie, ohne deren Begrenzung durch Gott zu ignorieren;
  • die Bedeutung einer glaubwürdigen Frömmigkeitspraxis "signifikant Anderer" gilt es fruchtbar zu machen, aber ohne Verzicht auf Reflexionsprozesse;
  • Erörterung der Chancen und Gefahren einer Subjektivierung des Glaubens an Jesus Christus. 



Schlussbemerkung

Die Ergebnisse von Ziegler ermutigen geradezu die Pluralität jugendlicher Erfahrungen als didaktische Chance zu begreifen. Dabei gilt es zu beachten, dass die zu erwartenden Sichtweisen und Fragestellungen der Jugendlichen sich kaum genau auf einzelne Klassenstufen bestimmen lassen, sondern von den jeweiligen Entwicklungsstufen bestimmt sind, die – wie die Beispiele von Ziegler zeigen – im Blick auf einen Jahrgang bzw. einer Altersstufe sehr unterschiedlich sein können.

Die von Ziegler befragten Jugendlichen gaben an, dass ihre Unterrichtserfahrungen dadurch gekennzeichnet waren, dass es zu wenig Gelegenheit gab, sich intensiver mit kritischen Fragen zu Jesus auseinanderzusetzen. Die Erwartungen der Jugendlichen beim Thema "Jesus Christus" richten sich demzufolge auf eine stärkere Berücksichtigung diskursiv-argumentiver Lernformen sowie eines Lernens durch personale Begegnung. In offenen Unterrichtsarrangements gilt es Räume für die individuellen Zugänge der Jugendlichen zur Christologie zu eröffnen. Die Ergebnisse von Ziegler haben gezeigt, dass auch diejenigen Jugendlichen, die von sich aus keine lebensgeschichtlichen Bezüge herstellen konnten, sich von Impulsen bzw. durch andere Jugendliche anregen ließen ihre Denkweisen zu artikulieren. "Theologisieren mit Jugendlichen" beschreibt daher einen Lernweg, der nicht nur die christologischen Denkweisen der Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt, sondern auch dazu führen kann, dass Jugendliche für ihre Mitschüler eine Elementarisierung christologischer Sachverhalte leisten.29

 

Anmerkungen

  1. Überarbeiteter Vortrag auf der Tagung Ev. Fachberatung, Loccum, 1.11.2006.
  2. Zitiert nach Ritter, Werner H.: Blutiges Verlustgeschäft? Die Vorstellung vom Opfertod Jesu ist fremd und befremdlich – überflüssig ist sie nicht, in: zeitzeichen 4/2006, S. 45.
  3. Zitiert nach Pöhlmann, Horst Georg: Abgründige Wahrheit. Vergibt Gott nur, wenn er Blut sieht? Die Kritik am Sühnetod Jesu, in: zeitzeichen 4/2006, S. 48.
  4. Dahlferth, Ingolf U.: Der auferweckte Gekreuzigte. Zur Grammatik der Christologie, Tübingen 1994, S. 305.
  5. Vgl. Meyer-Blanck, Michael: Wie finde ich Anerkennung? Christologie elementar, in: Baumann, Ulrike u.a.: Religionsdidaktik. Praxisbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2005, S. 78.
  6. Vgl. Schröter, Jens: Sühne, Stellvertretung und Opfer, in: Frey, Jörg / Schröter, Jens (Hrsg.): Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament, Tübingen 2005, S. 51-72.
  7. Ebd., S. 54.
  8. Zit. n. Zimmermann, Mirjam: Die Bedeutung des Todes Jesu in der Religionspädagogik. Eine Skizze, in: Jörg Frey/ Jens Schröter (Hrsg.): Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament, Tübingen 2005, S. 609.
  9. Hanisch, Helmut/Hoppe-Graf, Siegfried: "Ganz normal und trotzdem König". Jesus Christus im Religions- und Ethikunterricht, Stuttgart 2002, S. 184.
  10. Zimmermann, Mirjam, a.a.O., S. 622f. Zimmermann unterscheidet drei Zugänge zum Thema "Tod Jesu im Religionsunterricht": "Vermittlungshermeneutische Entwürfe konzentrieren sich auf die historischen Umstände des Todes bzw. auf den Zusammenhang zwischen dem Leben Jesu und seinem Sterben, problemorientierte Ansätze rücken gegenwärtige Leiderfahrungen und Theodizeefragen in den Mittelpunkt, schließlich wird der Tod Jesu theologisch in enger Bezogenheit auf die Auferstehung thematisiert und damit in seinem Eigenwert relativiert." (S. 631).
  11. Jens Schröter, a.a.O., S. 69.
  12. Vgl. Dahlferth, Ingolf U., a.a.O., S. 260.
  13. Vgl. Ritter, Werner H., a.a.O., S. 46f.
  14. "Der gekreuzigte Gott nimmt selber das Gericht auf sich, dass wir Menschen für unsere Sünden verdient haben, wodurch das archaische Sühnerecht, das für Sünde Sühne verlangt, auf den Kopf gestellt und gesprengt wird." Pöhlmann, Horst Georg, a.a.O. S. 48.
  15. Dalferth, Ingolf U.: Volles Grab, leerer Glaube?, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 95/1998, S. 304.
  16. Steck, Wolfgang: Alltagsdogmatik. Ein unvollendetes Projekt, in: Pastoraltheologie 94/2005, S. 299.
  17. Ebd., S. 301. Vgl. als Beispiel für den angezeigten Gestaltwandel die Veränderungen in der Kasualienkultur (S. 304ff).
  18. Vgl. Rothgangel, Martin: Systematische Theologie als Teildisziplin der Religionspädagogik? Präliminarien zum Verhältnis von Systematischer und Religionspädagogischer Theologie, in: Theo-Web 2/2003, H. 1, S. 47ff.
  19. Zimmermann, Mirjam: Jesus im Garten Gethsemane (Mt 26, 36-46) – Elementare Zugänge zur Passion und Tod Jesu, in: Jahrbuch für Kindertheologie, Sonderband Teil 2: Neues Testament, Stuttgart 2006, S. 192 (zu 1.: "Der Jesus nimmt die ganzen Sünden auf sich"; zu 2: "…gegen den Willen seines Vaters kann er nichts machen"; zu 3: "Ja, Gott wollte den Leuten zeigen, dass der Tod nichts Schlimmes ist, das man nach dem Tod weiterlebt". (vgl. ebd., S. 190f.)
  20. Vgl. Büttner; Gerhard: Die Christologie der Kinder und Jugendlichen, in: Glaube und Lernen 1/2004, 41ff., sowie beispielhaft seinen Artikel in diesem Heft zu christologischen Konzepten von Grundschulkindern.
  21. Büttner, Gerhard, zit. nach Ziegler, Tobias: Jesus als "unnahbarer Übermensch" oder "bester Freund"? Elementare Zugänge Jugendlicher zur Christologie als Herausforderung für Religionspädagogik und Theologie, Neukirchen-Vluyn 2006, S. 145.
  22. Ziegler, Tobias, ebd. S. 15.
  23. Vgl. ebd., S. 212.
  24. Vgl. ebd., S. 319.
  25. Ebd., S. 307.
  26. Ebd., S. 310.
  27. Zit. ebd., S. 307.
  28. Vgl. ebd., S. 510-522.
  29. Vgl. ebd., S. 544f.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2007

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