Das Thema 'Auferstehung' in der Kurzgeschichte
"Steh auf, steh doch auf" von Heinrich Böll*

von Esther-M. Heling-Hitzemann
 

 

Ein Unterrichtsmodell ab Klasse 10
1. Religionspädagogische Vorüberlegungen

Es gehört zu meinen Grundüberzeugungen, dass die Theologie, das Reden von Gott, es elementar mit dem Leben und den Erfahrungen von Menschen zu tun hat - jedenfalls wenn ich vom 'Gott der Bibel' ausgehe und nicht von philosophischen und metaphysischen Gedankengebäuden - und dass es in der Religionspädagogik darum gehen muss, die überlieferten Erfahrungen aufzuspüren und mit den heutigen Erfahrungen in Beziehung zu setzen und umgekehrt.

Das Thema 'Auferstehung' scheint sich allerdings zunächst nur schwer mit dem konkreten Leben vermitteln zu lassen - es hat im allgemeinen (Schüler-)Bewußtsein etwas Überweltliches, Jenseitiges an sich, egal ob man nun primär an ein wie auch immer geartetes Geschehen am gekreuzigten Jesus denkt oder an ein irgendwie beschaffenes Weiterleben der Menschen nach ihrem physischen Tod. Doch 'Auferstehung' hat schon vom biblisch-theologischen Befund [i] her - und nicht erst in der Interpretation durch moderne Theologen von Bonhoeffer bis Sölle - ganz elementar mit dem Leben auf dieser Erde zu tun, so wie auch 'Tod' im biblischen Sprachgebrauch nicht nur den physischen Tod meint, sondern im übertragenen Sinn jeden Zustand, in dem Menschen vom lebendigen Leben abgeschnitten sind, sei es auf der individuellen (Depression, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Lebensangst) oder auf der sozialen Ebene (Beziehungslosigkeit, Unterdrückung, Ausgestoßensein).

In diesem Sinn wird etwa in den Psalmen des AT von 'Tod' gesprochen und Gott als derjenige angerufen oder gepriesen, der ins Leben zurückholt (z.B. Psalm 116). Entsprechendes gilt für das NT, wenn in den paulinischen Briefen davon die Rede ist, dass die Glaubenden 'mit Christus auferstanden sind' und nun zu einem neuen Leben befreit sind, das nicht mehr von 'Sünde' und 'Tod', Entfremdung und Zerstörung bestimmt ist, sondern von Vertrauen, Hoffen und Lieben. "Wach auf, der du schläfst, steh auf von den Toten, so wird Christus dir leuchten" (Eph. 5,14) - dieser alte Taufhymnus richtet sich mit den gleichen Worten, die für die Auferweckung oder Auferstehung Jesu gebraucht werden, an den Menschen in seinem Lebensvollzug.

Dieser existentielle Aspekt von 'Auferstehung' ist auch in den Ostererzählungen der Evangelien zu entdecken, wenn nämlich die Begegnung mit dem Auferstandenen, wie auch immer sie vorzustellen ist, wirklich und wirksam wird im Leben der Jüngerinnen und Jünger, deren 'begrabene Hoffnungen' zu Lebensperspektiven werden, die sie ganz neu in Bewegung setzen .

Der vorliegende Text von Heinrich Böll, eine frühe Kurzgeschichte, die von H. Stock 1987 für die Religionspädagogik 'ausgegraben' worden ist, lässt für 'Insider' all diese biblischen Motive anklingen:

Schon die Überschrift erinnert an den alten Taufhymnus, der Text selbst weist Anklänge an neutestamentliche Erscheinungsgeschichten auf und liest sich über weite Strecken wie eine erzählerische Ausgestaltung bestimmter Psalmworte (Psalm 55,5 ff oder 116, 3 ff), ohne dabei ein einziges Mal das Wort 'Gott' zu nennen. Das macht ihn für mich so reizvoll.

Beim Einsatz dieser Geschichte im Unterricht möchte ich es Schülerinnen und Schüler ermöglichen, sich auf die surreal anmutende Fremdheit dieses Textes einzulassen und in der Entdeckung seiner Bildsprache und Struktur wenigstens ansatzweise die Erfahrung von 'Auferstehung' nachzuvollziehen, die hier mitzuteilen versucht wird.



2. Sachanalyse

Es ist wohl bezeichnend, dass dieser einzige literarische Annäherungsversuch, den Heinrich Böll an das Thema 'Auferstehung' gemacht hat (und den er eigenen Aussagen zufolge in der Zwischenzeit ganz vergessen hatte), aus der Nachkriegszeit stammt: „Wir sind mitten in der zertrümmerten Welt, Elend und Schrecken sind überall gegenwärtig. Todeserfahrung lastet auf allen, neuer Lebenswille erwacht langsam." [ii] Die Nachkriegsszenerie mit Trümmern und Ruinen, die gerade auch in Bölls Heimatstadt Köln ein bedrückendes Ausmaß hatten, bildet den deutlich sichtbaren und auch atmosphärisch spürbaren Hintergrund der Geschichte, die allerdings von der Reflexion gesellschaftlich-politischer Verhältnisse absieht und sich ganz auf die Darstellung einer individuellen Erfahrung konzentriert. Diese erhält aber durch ihre intensive, bildreiche Gestaltung schon einen überindividuellen, symbolhaften Charakter oder, wie H.Stock es ausdrückt: "Das Weltgeschick des Menschen kommt in dieser Einzelerfahrung exemplarisch zum Ausdruck." [iii]

Im folgenden möchte ich die Geschichte in ihren wesentlichen Zügen nachzeichnen und dabei die Bild- und Strukturelemente hervorheben, die Böll zur Annäherung an das Thema 'Auferstehung' verwendet.

Der Text beginnt mit der Beschreibung eines erst wenige Wochen alten Grabes, an dem der Ich-Erzähler steht, im Regen, "diesem eintönig murmelnden Regen, der schon seit Wochen niederrann" und sich mit seinen Tränen mischt (Z.6/7) - Symbol für dieses Gefühl haltlos fließender Trauer, in der die Endgültigkeit des Todes noch nicht zu fassen ist. "Steh auf, steh doch auf " - ein leise geäußerter Wunsch, ein zaghafter Protest gegen den Tod, der jedoch gleich zurückgenommen wird bei der Vorstellung des realen Leichnams der Geliebten in der Erde und seiner beginnenden Verwesung. Auferstehung in einem solch wörtlichen Sinn ist eine Vorstellung, die eher zum Fürchten ist. Doch der Ich-Erzähler hat mit der Äußerung dieses Wunsches "den Schatten beschworen", wie es später heißt (Z.40),den Schatten, der "jäh und heftig"(Z.13) hinter ihm aus der Erde bricht, einen "gestaltlosen, doch wirklichen Schatten", der ihn verfolgt (Z.19), während er in höchster Eile den Friedhof verlässt, den Klang der Glocke im Ohr, die die Lebenden von diesem Ort des Todes zurückruft.

Auch nachdem er die "rostig-klirrende Pforte " (Z.20) hinter sich zugeworfen hat, bleibt das Gefühl der Angst, die ihn "von hinten anwehte" (Z.25), und eine "seltsame Lust von Krankheit und Trauer" (Z.25f.). Angetrieben von diesem merkwürdigen Gefühl der Bedrohung, eilt er durch die zerstörte, schmutzige Vorstadtgegend den Ruinen der Stadt zu, und die trostlose Nachkriegsszenerie, deren Details im Vorbeihasten wahrgenommen werden, wird ihm zu "Verzweiflungsstätten" (Z.30) und zu einem "Labyrinth der Trübsal" (Z.32) - seine äußere Wahrnehmung und seine psychische Verfassung entsprechen sich.

Im Verlauf seines Weges steigert sich das Gefühl der Angst zum "Entsetzen", das sich in ihm immer tiefer festfrisst (Z.35), und der Schatten, der ihn anfänglich verfolgte, wird hinter ihm zur Nacht: "ich schleifte die Nacht hinter mir her..." (Z.37f.). Im weiteren Verlauf wird das bedrohliche Dunkel immer stärker auf der Ebene der Körpergefühle wahrgenommen: Wenn er stehen bleibt, staut es sich zum Druck, der ihn weiter schiebt, und wird schließlich zur "Last der Welt", die er zu schleppen hat (Z.48f.), mit "unsichtbaren Seilen" daran gebunden, und die an ihm zerrt und zieht, "wie eine abgerutschte Last das ausgemergelte Maultier unweigerlich in den Abgrund zwingt" (Z.50f. ), wogegen er sich mit aller Macht anstemmt, bis er sich schließlich nicht mehr von der Stelle bewegen kann - "die Last schon so wirksam, mich am Ort zu bannen" (Z.54f.).

Als er den Halt zu verlieren glaubt, kommt der entscheidende Wendepunkt: Statt dem Zwang in den Abgrund nachzugeben, ein letztes Aufbäumen des Lebenswillens - "ich tat einen Schrei und warf mich noch einmal in die gestaltlosen Zügel " (Z.55f.). Das Unerwartete geschieht: Er fällt vornüber aufs Gesicht, da die Bindung hinter ihm zerrissen ist. Statt Dunkel, Druck und Last nun "eine unsagbar köstliche Freiheit hinter mir" (Z.57), statt der trostlosen Welt von Trübsal und Verzweiflung vor seinen Augen nun "eine helle Ebene, auf der nun sie stand, sie, die dort hinten in dem kümmerlichen Grab... gelegen hatte" (Z.58f.), und mit den gleichen Worten, die er unter Tränen zu ihr als der toten Geliebten gesagt hat, fordert sie ihn nun lächelnd auf: "Steh auf, steh doch auf" - "aber ich war schon aufgestanden und ihr entgegengegangen." (Z.60f.)

Ein literarischer Annäherungsversuch an das Thema 'Auferstehung' aus 55 Zeilen Trauer, Angst, Entsetzen, Lähmung, drohendem Untergang und nur fünf Zeilen 'Auferstehung' - ein auffälliges Verhältnis. Doch man muss wohl das Dunkle, Lastende und nach rückwärts Bindende der Trauer in aller Intensität nachvollziehen, bevor man die Befreiung entdecken kann, die es ermöglicht, aufzustehen und nach vorne zu gehen. Doch wie ist der Schluss eigentlich zu verstehen? Was bedeutet das Aufstehen, von dem zuletzt die Rede ist? Was bedeutet es, dass er der Geliebten entgegengeht? In welchem Sinn ist hier von Auferstehung die Rede? Diese Fragen entstehen unweigerlich und werden auch die Schülerinnen und Schüler beschäftigen, mehr noch als der 'Schatten', der in seiner metaphorischen Bedeutung und seinem emotionalen Gehalt vermutlich leichter zu verstehen ist.

Klar ist in diesem Text zunächst nur, was 'Auferstehung' nicht ist: Die Vorstellung einer 'leiblichen' Auferstehung aus dem Grab wird nach dem ersten 'Steh auf, steh doch auf' schaudernd zurückgenommen - auf dieser Ebene der Wirklichkeit hat die Verwesung schon begonnen. Und doch erscheint "sie, die dort hinten in dem kümmerlichen Grab gelegen hatte", am Schluss auf einer anderen "Ebene" und wird in ihrer Identität und Zuwendung erkannt. Doch welche 'Ebene' ist hier gemeint? Die Deutungen sind vom Vorverständnis abhängig:

Der Theologe H. Stock fühlt sich an die Erscheinungsgeschichten in den Evangelien erinnert und deutet das Erzählte als "pneumatisches Geschehen" [iv] , bei dem es darauf ankäme, "den lebenden und den toten Menschen jenem 'Schöpfer Geist' anzubefehlen und sich mitsamt dem anderen Menschen in diesem Element unzerstörbaren 'ewigen Lebens' zu bergen." [v]

Die Psychotherapeutin Ingrid Riedel würde darauf verweisen, dass diese Erfahrung aus Trauerprozessen bekannt ist als "beglückende Wiederbegegnung mit einem Verstorbenen im Traum oder in der subjektiven Erfahrung, dass er innerlich wieder gegenwärtig erlebt wird, dass er als innere Gestalt ... in meinem Leben mitgeht." [vi]

Der Literaturwissenschaftler Bernd Balzer, der diesen Text im Zusammenhang der frühen von Krieg, Trennung und Tod handelnden Kurzgeschichten Bölls mit einem Satz erwähnt, hat eine ganz andere Deutung wie selbstverständlich parat: "In 'Steh auf, steh doch auf' bedeutet das Sterben des Erzählers am Fieber die Wiedervereinigung mit der Geliebten." [vii] Das Zerreißen der Bindung und das Niederfallen auf das Gesicht würden also den Tod des Ich-Erzählers bedeuten, sein Aufstehen und die Begegnung mit der Geliebten spielten sich demnach auf einer anderen 'Ebene' ab, die von der diesseitigen Wirklichkeit radikal getrennt ist durch den Tod. Auferstehen der Toten in einem anderen Leben, Wiederbegegnung im Licht - auch das ist eine Deutung von Auferstehung, die ernst zu nehmen (und beispielsweise in manchen Gedichten von M.L. Kaschnitz wieder zu finden ist). Sie hat durchaus ihren Anhalt am Text und ist auch theologisch relevant, und es ist zu vermuten, dass auch Schülerinnen und Schüler auf diese Deutung kommen, evtl. verbunden mit der Erwähnung von Lichterlebnissen, wie sie aus der Sterbeforschung bekannt sind.

Mir ist es wichtig, solche Deutungen nicht abzuweisen, aber gegen ihre Verabsolutierung und Festschreibung eine Rückführung auf die elementaren Strukturen dieser Geschichte zu versuchen, die ich als ein komplexes Symbol ansehen möchte, das bestimmte Grundstrukturen aufweist, die von dem jeweiligen Leser in unterschiedlicher Weise mit Bedeutung und Erfahrung angereichert werden können. In den dargestellten Oppositionen der Geschichte kann ich die Grundstrukturen des Symbolkomplexes 'Auferstehung' aufspüren, und am Wendepunkt der Handlung, an dem die Oppositionen (Bindung vs. Freiheit) aufeinander treffen, entdecke ich die Art und Weise, wie sich 'Auferstehung' ereignen kann: Da ist das aktive Sich-nach-vorne-Werfen, und da ist das passive Zerreißen der Bindung. Da tut einer etwas mit letzter Kraft, und da geschieht ihm etwas. Beides gehört zusammen. Der Schrei, der an dieser Stelle im Text zu 'hören' ist, kann unterschiedlich 'übersetzt' werden. Doch ob er nun lautet: 'Ich will leben!' oder 'Gott, hilf mir !' oder welche 'Grund-Sätze' sonst möglich sind - entscheidend ist, dass ‘der, der ihn ausstößt, sich nach vorne wirft ...’



3. Zur unterrichtlichen Realisierung

Wie kann diese Geschichte in den Unterricht eingebracht werden ?

Als ich mich (vor gut zwei Jahren) erstmalig mit dieser Frage auseinanderzusetzen hatte, lagen mir dazu keinerlei fremde Unterrichtserfahrungen vor. Inzwischen habe ich sie, nach meinem ersten erfolgreichen Versuch, noch öfter in verschiedenen Lerngruppen (ab Kl. 10) eingesetzt und mich dabei jedes Mal an meinem ersten Entwurf orientiert, der sich für mich immer wieder als angemessen und hilfreich für die Behandlung dieser Geschichte erwiesen hat. Im folgenden gebe ich nach den Lernzielen die erprobte Verlaufsplanung wieder und verbinde sie mit didaktisch-methodischen Kommentaren. Die Einbindung in den weiteren Unterrichtszusammenhang berücksichtige ich hier nicht, sondern stelle eine Einzelstunde vor, die in unterschiedlichen Sequenzen ihren Platz haben kann.

Stundenziel:

Die Schülerinnen und Schüler können mit der Geschichte "Steh auf, steh doch auf" von Heinrich Böll einen literarischen Versuch zum Thema 'Auferstehung' kennen lernen und im Nachvollziehen der erzählten Erfahrung und im Erarbeiten und Deuten von Bild- und Handlungselementen einen erfahrungsbezogenen Zugang zum Symbol 'Auferstehung' finden.

Feinziele:

Die Schülerinnen und Schüler können

  • Todestrauer mit ihrer Last, Finsternis und Ausweglosigkeit nachempfinden
  • den surrealistischen Charakter der Erzählung erkennen
  • das beschwörende 'Steh auf' des Ich-Erzählers in seiner Absicht, Absurdität und Zurücknahme verstehen
  • die Textstellen aufsuchen und deuten, in denen der Ich-Erzähler etwas 'hinter sich' spürt, und seine Erfahrung nachvollziehen
  • das "Steh auf" der Geliebten mit dem ersten "Steh auf" vergleichen und in seiner Andersartigkeit und ermutigenden Wirkung verstehen



4. Verlaufsplanung mit Kommentar:

a) Einstieg: Erster Annäherungsversuch, Anbahnen des Verstehens:

  • Nachvollziehen der Eingangssituation der Geschichte:
    "Stellt Euch vor..."
  • Einfühlen in die Befindlichkeit eines Menschen am Grab:
    "Was mag in Ihm vorgehen..."
  • Nachvollziehen des ersten "Steh auf, steh doch auf"
    --------> Tafelüberschrift

 

Kommentar:

Es erscheint mir angebracht, die Geschichte vor ihrer Präsentation kurz anzubahnen. Es kann den Schülerinnen und Schüler den Zugang zu dieser fremden Erfahrung erleichtern, wenn die Situation des Ich-Erzählers am Erzähleingang nachvollzogen wird. Indem sich die Schülerinnen und Schüler annäherungsweise einfühlen in die Befindlichkeit eines Menschen am Grab - die Trauer; das Gefühl 'Es kann doch nicht wahr sein'; die Schwierigkeit, die Endgültigkeit des Todes zu akzeptieren; die schaudernde Vorstellung vom Beginn der Verwesung des geliebten Menschen; vielleicht auch die Frage nach einem Weiterleben nach dem Tod -, sind sie schon ein Stück weit in der Geschichte drin und können sich vielleicht leichter darauf einlassen, die Erfahrungen des Ich-Erzählers aufzunehmen. Das erste "Steh auf, steh doch auf" kann im Zuge dieser Anbahnung eingeflochten werden als verständlicher Wunsch eines Menschen in einer solchen Situation und kann als Überschrift zu der nun folgenden Geschichte bereits an die Tafel geschrieben werden.


b) Präsentation der Geschichte durch Vorlesen

Kommentar:

Das Vorlesen sollte unbedingt durch die Lehrerin/den Lehrer erfolgen, damit der Text wirkungsvoll zur Geltung gebracht wird. Die Schülerinnen und Schüler sollten dabei den Text nicht vor sich haben, da meiner Erfahrung nach das Hören intensiver und imaginativer ist, wenn es nicht mit der gleichzeitigen Wahrnehmung des Schriftbildes verbunden ist.


c) Spontanphase/Annäherung/erste Erarbeitung:

Versuch, das Gehörte zu erinnern und den teilweise surrealen Charakter des Erzählten zu erkennen.

  • Warten, Schüler ‘kommen lassen’
  • evtl. Impulse: "Ihr schweigt..."
    "Worte, die Ihr Euch gemerkt habt, Bilder, die Ihr vor Euch seht "
    "Lässt sich das Erzählte fotografieren oder filmen ?"
  • Zusammenfassung: Orientierung über den Weg des Ich-Erzählers von der Eingangssituation am Grab bis zu dem befremdlichen Schluss, Feststellen der Verstehensprobleme und Überleitung zur gezielten Arbeit am Text


Kommentar:

Im freien Unterrichtsgespräch können Fragen und Probleme des Ersteindrucks mitgeteilt werden, und es ist Raum da für ein gemeinsames Herantasten und Entdecken, in dem sich die verschiedenen Beobachtungen und Beiträge ergänzen. Die Schwerpunkte des Gesprächs in dieser Phase sind nicht vorhersehbar. Ich versuche, keine Vorgaben zu machen, sondern meine Impulse darauf zu beschränken, das Erinnern von Worten und Bildern anzuregen, das eventuelle Befremden der Schülerinnen und Schüler zu teilen, das Einfühlen zu unterstützen sowie das Erkennen der symbolhaften Elemente der Geschichte zu fördern. Unklarheiten, wie das Problem des Schattens oder die Deutung des Schlusses, sollten nicht zu ausführlich diskutiert werden, sondern den Anlass geben zu einer vertiefenden Arbeit am Text, der dann erst auszuteilen ist.


d) Gezielte Arbeit am Text:

Arbeitsauftrag:

"Findet die Stellen auf, in denen der Ich-Erzähler etwas 'hinter sich' spürt, und unterstreicht sie."

"Versucht, diese Stellen im Gespräch mit Eurem Nachbarn zu deuten." (je nach Zeit)


Kommentar:

Um die bisherige Annäherung an die Bilder und Gedanken auf die Struktur der dargestellten Erfahrung zu fokussieren, sollen die Schülerinnen und Schüler in einer kurzen Stillarbeitsphase den Text noch einmal durchlesen und gezielt bearbeiten. Die Konzentrierung auf wenige, aber zentrale Begriffe durch die Fokussierung auf das 'hinter mir' kann auch denjenigen Schülerinnen und Schüler helfen, Entdeckungen zu machen, für die der Text insgesamt sprachlich und inhaltlich zu dicht und schwierig ist. Ein Versuch, diese wenigen Bilder im Gespräch mit dem Nachbarn ansatzweise zu deuten, gibt auch den stilleren Schülerinnen und Schüler die Chance, sich zum Text zu äußern.


e) Ergebnissicherung:

Lesen der betreffenden Stellen und Festhalten an der Tafel

 

Mögliches Tafelbild:

"Steh auf, steh doch auf"

------> Grab, Tränen

"hinter mir": Schatten, Angst, Dunkel, Nacht, Druck, Last, Last der Welt, unsichtbare Seile, drosselnde Schnürung, gestaltlose Zügel 

"die Bindung war zerrissen"

"eine unsagbar köstliche Freiheit hinter mir"

"Steh auf, steh doch auf" -------> helle Ebene, Lächeln


Kommentar:

Hier können sich auch diejenigen einbringen, die sich im freien Gespräch sonst wenig beteiligen. Die Elementarisierung auf wenige Begriffe bzw. Bilder an der Tafel ermöglicht es, die wesentliche Struktur und den entscheidenden Wendepunkt der Geschichte auch optisch vor sich zu sehen .


f) Vertiefendes Gespräch:

  • Deutung der in den festgehaltenen Begriffen ausgedrückten Erfahrung
  • Versuch einer Interpretation des zweiten 'Steh auf' im Kontrast zum ersten 'Steh auf'
  • Zusammenfassung


Kommentar:

Der Gegensatz zwischen den Begriffen auf der ersten Tafelseite und denen auf der zweiten erleichtert es zu erkennen, worin die entscheidende Erfahrung besteht: Befreiung von der belastenden und lähmenden Bindung an Grab, Trauer, Dunkel und die Möglichkeit, nach vorne zu gehen und der Geliebten auf einer anderen , "hellen Ebene" neu zu begegnen. Das zweite "Steh auf, steh doch auf" vollendet das Tafelbild in seinem parallelen Aufbau, und ein fragender Hinweis auf die wörtliche Entsprechung dieser beiden Sätze kann der Impuls sein für eine abschließende deutende Paraphrasierung dieser zweiten Äußerung.

Eine Zusammenfassung der Stunde braucht nicht mehr zu enthalten als den Hinweis auf die Bemerkung Bölls zu dieser Kurzgeschichte (=Versuch einer Vorstellung von 'Auferstehung') und den Verweis auf das Tafelbild, das den Gang der Stunde und die Struktur der Geschichte im wesentlichen wiedergibt, mit der Feststellung, dass wir uns dem, was er mit 'Auferstehung' meint, wohl ein gutes Stück weit angenähert haben.

 

Heinrich Böll

Steh auf, steh doch auf

Ihr Name auf dem roh zusammengehauenen Kreuz war nicht mehr zu lesen; der Pappdeckel des Sarges war schon eingebrochen, und wo vor wenigen Wochen noch ein Hügel gewesen war, war nun eine Mulde, in der die schmutzigen, verfaulten Blumen, verwaschene Schleifen, mit Tannennadeln und kahlen Ästen vermengt, einen grauenhaften Klumpen bildeten. Die Kerzenstummel mussten gestohlen worden sein

„Steh auf“, sagte ich leise, „steh doch auf“, und meine Tränen mischten sich mit dem Regen, diesem eintönig murmelnden Regen, der schon seit Wochen niederrann.

Dann schloss ich die Augen; ich fürchtete, mein Wunsch könne erfüllt werden. Hinter meinen geschlossenen Lidern sah ich deutlich den eingeknickten Pappdeckel, der nun auf ihrer Brust liegen musste, eingedrückt von den nassen Erdmassen, die an ihm vorbei kalt und gierig sich in den Sarg drängten.

Ich bückte mich nieder, um den schmutzigen Grabschmuck von der klebrigen Erde aufzuheben, da spürte ich plötzlich, wie hinter mir ein Schatten aus der Erde brach, jäh und heftig, so wie aus einem zugedeckten Feuer manchmal die Flamme hochschlägt.

Ich bekreuzigte mich hastig, warf die Blumen hin und eilte dem Ausgang zu. Aus den schmalen, mit dichten Büschen umgebenen Gängen quoll der dicke Dämmer, und als ich den Hauptweg erreicht hatte, hörte ich den Klang jener Glocke, die die Besucher aus dem Friedhof zurückruft. Aber von nirgendwoher hörte ich Schritte, nirgendwo auch sah ich jemanden, nur spürte ich hinter mir jenen gestaltlosen, doch wirklichen Schatten, der mich verfolgte...

Ich beschleunigte meinen Schritt, warf die rostig klirrende Pforte hinter mir zu, überquerte das Rondell, auf dem ein gestürzter Straßenbahnwagen seinen aufgequollenen Bauch dem Regen hinhielt; und die verwünschte Sanftmut des Regens trommelte auf dem blechernen Kasten...

Schon lange hatte der Regen meine Schuhe durchdrungen, aber ich spürte weder Kälte noch Feuchtigkeit, ein wildes Fieber jagte mein Blut bis in die äußersten Spitzen meiner Glieder, und zwischen der Angst, die mich von hinten anwehte, spürte ich jene seltsame Lust von Krankheit und Trauer...

Zwischen elenden Wohnhütte, deren Schornsteine kümmerlichen Rauch ausstießen, abenteuerlich zusammengeflickten Zäunen, die schwärzliche Äcker umschlossen, vorbei an morschen Telegrafenstangen, die im Dämmer zu schwanken schienen, führte mein Weg durch die scheinbar endlosen Verzweiflungsstätten der Vorstadt; achtlos in Pfützen tretend, schritt ich immer hastiger der fernen, zerrissenen Silhouette der Stadt zu, die in schmutzigen Dämmerwolken am Horizont hingestreckt lag wie ein Labyrinth der Trübsal.

Schwere riesige Ruinen tauchten links und rechts auf, seltsam schwüler Lärm aus schwach erhellten Fenstern drang auf mich ein; wieder Äcker aus schwarzer Erde, wieder Häuser, verfallen Willen - und immer tiefer fraß sich das Entsetzen neben meiner fiebrischen Krankheit in mir fest, denn ich spürte etwas Ungeheuerliches: hinter mir wurde es dunkel, während vor meinen Augen der Dämmer sich in der üblichen Weise verdichtete; hinter mir wurde Nacht; ich schleifte die Nacht hinter mir her, zog sie über den fernen Rand des Horizontes, und wo mein Fuß hingetreten war, wurde es dunkel. Nichts sah ich vor alledem, aber ich wusste es: vom Grab der Geliebten her, wo ich den Schatten beschworen, schleppte ich das unerbittlich schlappe Segel der Nacht hinter mir her.

Die Welt schien menschenleer zu sein: eine ungeheure, mit Schmutz angefüllte Ebene die Vorstadt, ein niedriges Gebirge aus Trümmern die Stadt, die so ferne geschienen hatte und nun unheimlich schnell näher gerückt war. Einige Male blieb ich stehen, und ich spürte, wie das Dunkle hinter mir verhielt, sich staute und höhnisch zögerte, mich dann mit sanftem und zwingendem Druck weiterschob.

Nun erst spürte ich auch, dass der Schweiß in Strömen an meinem ganzen Körper herunterlief; mein Gang war mühsam geworden, schwer war die Last, die ich zu schleppen hatte, die Last der Welt. Mit unsichtbaren Seilen war ich daran gebunden, sie an mich, und es zog nun und zerrte an mir, wie eine abgerutschte Last das ausgemergelte Maultier unweigerlich in den Abgrund zwingt. Mit allen Kräften stemmte ich mich an gegen jene unsichtbaren Schnüre, meine Schritte wurden kurz und unsicher, wie ein verzweifeltes Tier warf ich mich in die drosselnde Schnürung: meinen Oberkörper aufrecht zu halten; bis ich plötzlich spürte, dass ich nicht durchhalten konnte, dass ich auf der Stelle zu verhalten gezwungen war, die Last schon so wirksam, mich am Ort zu bannen; und schon glaubte ich zu spüren, dass ich den Halt verlor, ich tat einen Schrei und warf mich noch einmal in die gestaltlosen Zügel - ich fiel vornüber aufs Gesicht, die Bindung war zerrissen, eine unsagbr köstliche Freiheit hinter mir, und vor meinen Augen eine helle Ebene, auf der nun sie stand, sie, die dort hinten in dem kümmerlichen Grab unter schmutzigen Blumen gelegen hatte, und nun war sie es, die mit lächelndem Gesicht zu mir sagte: „Steh auf, steh doch auf...“, aber ich war schon aufgestanden und ihr entgegengegangen...

(aus: Heinrich Böll, Wanderer, kommst du nach Spa... Erzählungen. dtv München 1967, 32. Auflage, S. 27-29)
* Text aus: Michael Wermke (Hrsg.): Tod und Auferstehung Jesu Christi - Arbeitshilfe für den Religionsunterricht an Gymnasien, Loccum 1997. Zu beziehen bei: Religionspädagogisches Institut Loccum, Uhlhornweg 10-12, 31547 Rehburg-Loccum; eMail: RPI.Loccum@evlka.de, Tel.: 05766 / 81136

 

Anmerkungen 

  1. Vgl. Ingo Baldermann, Die Bibel - Buch des Lernens. Grundzüge biblischer Didaktik, Berlin 2. Aufl. 1986, S. 229-239.
  2. Vgl. Hans Stock, „Steh auf, steh doch auf“ - eine Kurzgeschichte von Heinrich Böll zum Thema Auferstehung, in: Ev. Erz. 39, 1987, S. 723-732.
  3. Vgl. Stock, S. 730.
  4. Vgl. Stock, S. 732.
  5. Vgl. Stock, S. 731.
  6. Vgl. Ingrid Riedel, Die Emmaus-Geschichte als Trauerweg. In: JRPI 8, 1991, Neukirchen 1993, S. 89-99.
  7. Vgl. Bernd Balzer, Anarchie und Zärtlichkeit: Vorwort zur Gesamtausgabe der Werke Heinrich Bölls bei Kiepenheuer & Witsch, Bd. 1, S. 28, s.: Kuschel, Karl-Josef. Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen. 12 Schriftsteller über Religion und Literatur. München 1985. Darin S. 64-76 ein Gespräch mit H. Böll.